Conni benutzt jetzt Neopronomen – Pronomen üben

Ich werde öfter mal gefragt, wie das denn klappen soll, mit den neuen Pronomen, insbesondere mit Neopronomina. Das sei ja anstrengend, sich an neue Pronomen zu gewöhnen. Ja, ist es. Die wären ja nur ausgedacht, diese neuen Pronomen. Ja, ach. So wie alle neuen Worte irgendwann erdacht werden?

Also heute mal das Thema: Pronomen üben.

Viele Menschen machen ja schon dicht, wenn sie sowas hören wie „3. Person Singular, Genitiv“, denn wann außer in der Schule und vielleicht später im Linguistik Studium, wird schon so über die Sprache gesprochen, die wir benutzen?

Die Pronomen „er“ und „sie“ mit denen wir über andere sprechen, sind für uns so normal und alltäglich, dass wir nur selten darüber nachdenken müssen, wie wir sie benutzen. Auch mit „es“ als Pronomen kommen die meisten Menschen gut klar. Wenn aber ein komplett neues Pronomen in allen Deklinationsformen gelernt werden will, ist die Hürde nicht nur, für eine Person ein anderes Pronomen zu benutzen als bisher, sondern eben auch noch die Grammatik eines neuen Wortes zu lernen.

Nicht alle Neopronomen verfügen über Deklinationstabellen und manchmal muss improvisiert werden. Manche Menschen, die neue Pronomen nutzen, haben auch von eventuell vorhandenen Deklinationstabellen abweichende Wünsche. Im Zweifelsfall benutzt erstmal das Personalpronomen im Nominativ an Stellen an denen ihr unsicher seid, das ist für die meisten völlig okay.

Ich benutze beispielsweise sier. Im Genitiv sies, Dativ siem, Akkusativ sien. Das sind die Formen die am häufigsten benutzt werden. Aber neben den Personalpronomen gibt es ja auch noch Reflexivpronomen, Possessivpronomen, Relativpronomen, Demonstrativpronomen, Indefinitpronomen und Interrogativpronomen. Es gibt am Ende einen kleinen Exkurs in die Grammatik.

Eine Sache, die echt gut ist um Pronomen zu üben (das hier ist ja immer noch ein Familienblog), sind Kinderbücher. Schnappt euch irgendein Kinderbuch, Geschlecht des Hauptcharakters egal und ersetzt alle auftauchenden Pronomen des Hauptcharakters beim Vorlesen konsequent durch das, welches ihr üben wollt.

Statt „Der kleine Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte“ lest ihr dann also zum Beispiel „Das kleine Maulwurf, das wissen wollte, wer xiem auf den Kopf gemacht hatte“. Klappt wunderbar und hat den schönen Nebeneffekt, dass die Kinderbuchwelt ein bisschen geschlechtliche Diversität erfährt. Wenn der Charakter einen Namen hat, könnt ihr diesen auch anpassen. Müsst ihr aber auch nicht. Die Connibücher, die sich fast in jedem Haushalt mit Kindern finden? Conni ist wunderbar neutral. Conrad, Cornelia, egal, prima Abkürzung für beides und vom Klang im Deutschen generell eher neutral. Das im Keller verstaubte Leo Lausemaus Buch von wohlmeinenden Verwandten? Leo ist ebenso neutral wie Conni. Aber es ist auch gar nicht schlimm, wenn Dennis als Pronomen sie_er benutzt. Namen haben nämlich kein Geschlecht, sie sind nur einem zugeordnet. Und im übrigen wäre es auch für einen männlichen Dennis voll okay, Neopronomen zu nutzen.

Mit Pronomen ist es in aller Regel nicht getan, auch so etwas wie die Anrede, Personenbezeichnungen und Artikel müssen angepasst werden.

Natürlich könnt ihr auch selbst wenn ihr ein Buch für euch lest, Pronomen ersetzen, aber beim stillen Lesen ist das häufig schwerer als beim Vorlesen.

Wenn die betroffene Person mit Fremd-Outing vor Dritten einverstanden ist, könnt ihr euch auch einen kurzen Vorstellungstext zurecht legen, zum Beispiel: „Ich kenne eine bloggende Person, Ravna, die wohnt in Berlin. Sier hat kürzlich einen Artikel über Pronomen geschrieben.“ Solchen kurzen vorbereiteten Sätze schulen auch das Gefühl für neue Pronomen.

Ansonsten hilft es, sich zum Beispiel einen Lückentext vorzubereiten, in dem alle Pronomenarten mal vorkommen (nicht zwangsläufig in allen Formen). Damit ihr das nicht selbst machen müsst, habe ich einen für euch vorbereitet. In den Klammern steht, was eingefügt werden soll (immer dritte Person Singular), es sei denn es handelt sich um geschlechtsspezifische Suffixe, dann ist nur die Lücke da).


Conni benutzt jetzt Neopronomen

„Nein das bin nicht ich!“ ruft Conni und wirft den Brief von Tante Ruth wütend auf den Boden. Connis Mutter hebt ihn auf.

„Meine liebe Conni,

ich habe die neuesten Fotos von dir gesehen. Du bist aber ein großes Mädchen geworden!“ steht da.

„Das ist falsch“ beschwert sich Conni. „Richtig muss es heißen:

Mein_ lieb_ Conni,

ich habe die neuesten Fotos von dir gesehen. Du bist aber ein_ groß__ _____________ (Geschlecht) geworden!“

„Stimmt“, sagt Connis Mutter, die verständnisvoll wie immer auf Connis Outing als _____________________ (Geschlecht) reagiert hat und selbstverständlich seither fehlerfrei das von Conni gewünschte Pronomen benutzt. „Ich werde Tante Ruth Bescheid sagen, wenn du das möchtest.“

„Ja, bitte“, sagt Conni.

Am Telefon erklärt Connis Mutter Tante Ruth, dass Conni jetzt ___/___ (Personalpronomen Nominativ/Akkusativ) als Pronomen benutzt. Ihr_ ___________(Verwandtschaftsbeziehung Mutter à Conni) hat festgestellt, dass ______ (Possessivpronomen Nominativ) bisheriges Pronomen nicht zu ______ (Personalpronomen Dativ) passt, da ____ (Personalpronomen Nominativ) kein Mädchen ist, sondern ein_ ____________ (Geschlecht). Conni, _______ (Relativpronomen) Laune sich seit __________ (Possessivpronomen Dativ) Outing stetig verbessert hat, möchte sich bald auch in der Schule outen.

Tante Ruth freut sich für Conni und verspricht ____ (Personalpronomen Nominativ) einen neuen Brief zu schreiben. Schließlich ist Conni _________ (Demonstrativpronomen) ihrer Niblinge*, ____ (Artikel Nominativ) sie am häufigsten sieht.

„Ist Conni nicht auch ___________ (Demonstrativpronomen), ___________ (Interrogativpronomen) in der Schule neulich den Kunstwettbewerb gewann?“ fragt die Tante noch.

„Genau, das war Conni! ____ (Personalpronomen Nominativ) hat _____ (Reflexivpronomen) dort gegen die anderen durchgesetzt.“ ruft Connis Mutter begeistert.

*Niblings ist der englische genderneutrale Begriff für Nichten und Neffen, Niblinge die eingedeutschte Form.


Hier beginnt der Grammatik Exkurs

Die Pronomenangaben einer Person erfolgen üblicherweise über den Hinweis auf die Personalpronomen in der dritten Person Singular Nominativ.

Also Er, Sie, Es, Sier, Xier, und viele mehr. Oft wird auch die Akkusativform mit angegeben. Das sind dann zum Beispiel so aus: Sie/ihr, Er/ihn, Sier/sien.

Die Sache mit den Reflexivpronomen ist zum Glück recht einfach. In der dritten Person sind die sogar im Dativ und Akkusativ gleich (Reflexivpronomen gibt es nicht in im Nominativ und Genitiv). Sie heißen auch rückbezügliche Fürwörter. Es handelt sich um „mir/mich“, „dir/dich“ und „sich“. Reflexivpronomen sind das Satzobjekt und verweisen auf das Satzsubjekt, im folgenden Beispiel (Akkusativ) sind die Subjekte die Personalpronomen:

Ich übe für mich neue Pronomen.

Du übst für dich neue Pronomen.

Er/Sie/Es/Sier/Xier/Er_Sie/Sie_er/Mer/Xe/Xer/… übt für sich neue Pronomen.

Possessivpronomen sind die Pronomen, die auf Besitz hinweisen. Die sind etwas komplexer, denn sie beinhalten gleich zwei grammatische Geschlechter: das vom besitzenden Subjekt und das vom besessenen Objekt (wir reden hier von Grammatik, kommt mit euren Gedanken aus der BDSM Szene raus!). Darüber hinaus werden die auch noch dekliniert. Deshalb an dieser Stelle keine ausführliche Tabelle sondern die Bitte euch eine entsprechende Grammatikseite zu suchen, die euch gefällt, falls ihr den Unterricht der vierten Klasse genau so wenig im Kopf habt wie ich. Ich finde die von Udo Klinger gut und verständlich aufgebaut.

Das ist mein Pronomen.

Das ist dein Pronomen.

Das ist sein/ihr/sien/… Pronomen.

Spannend wird das vor allem dann, wenn zwei Menschen die Neopronomen nutzen hier grammatikalisch aufeinanderstoßen. Wenn also Person a also zum Beispiel sier benutzt, und Person b xier, kann es sein, dass Person a aber eine im Zweifelsfall neutrale Grammatik wünscht (wie bei Kind), Person b aber eine feminine (wie bei Frau). Das könnt ihr natürlich bei der betroffenen Person erfragen.

Person a und siere Freund*in also, aber Person b und xier Freundix.

Wie ihr seht habe ich hier auch gleich zwei unterschiedliche personenbezogene Bezeichnungen benutzt. Die gibt es normalerweise nur im Maskulinum (Freund) und im Femininum (Freundin). Mögliche neutrale Formen sind: Freund*in, Freund_in, Freund:in, Freundix, Freundlon. Gibt bestimmt noch mehr, aber das wären die mir geläufigen.

Verwirrend? Ja, aber mit Übung alles machbar.

Kommen wir zu den Relativpronomen. Das sind die, die eine Beziehung zum Satzsubjekt herstellen. So ganz grundsätzlich gibt es die in Maskulinum, Femininum und Neutrum, wie so vieles in der deutschen Sprache. Bisher ist mir noch keine Neopronomen nutzende Person begegnet, die hier eine neue Form geschaffen hat, denkbar ist es aber natürlich. Nehmen wir wieder Person a (sier, Neutrum) und Person b (xier, Femininum), wären folgendes Beispiele der Verwendung von Relativpronomen.

Sier, dessen Artikel dier ist, dekliniert diesen wie folgt: dier, dies, diem, dien.

Xier, deren Artikel das ist, dekliniert diesen wie folgt: das, des, dem, den.

Er, dessen Artikel der ist, dekliniert diesen wie folgt: der, des, dem, den.

Sie, deren Artikel die ist, dekliniert diesen wie folgt: die, der, der, die.

Verwirrend? Und wie! Aber mit Übung alles machbar.

Mit den Demonstrativpronomen verhält es sich zwar grundsätzlich ähnlich, hier kenne ich aber mehrere Personen, die eine Anpassung der herkömmlichen Pronomen vorgenommen haben, mich eingeschlossen. Beispiel?

Diejenige, die Pronomen übt, ist nett.

Derjenige, der Pronomen übt, ist nett.

Dasjenige, das Pronomen übt, ist nett.

Dierjenige, dier Pronomen übt, ist nett.

Verwirrend? Vielleicht gar nicht so sehr. Und mit Übung alles machbar.

Kommen wir zu den Indefinitpronomen. Das sind die unbestimmten Pronomen. Sowas wie eine*r oder jede*r und andere. Ähnlich wie die Personenbezeichnungen gibt es sie eigentlich nur in Makulinum und Femininum, einige im Neutrum (eines, jedes). Vorstellbar wären auch Varianten wie einix oder jedix, da es sich aber häufig eben um Sammelbezeichnungen handelt wäre das nicht immer sinnvoll.

Die letzten in der Runde sind die Interrogativpronomen. Auch bekannt als fragende Fürwörter oder Fragewörter. Die gibt es im Deutschen eigentlich nur in einer grammatischen Form: Wer/Wessen/Wem/Wen? Aber auch sie können geschlechtsspezifische Endungen haben. Welcher Mann? Welche Frau? Welches Kind? Abweichende Verwendungen wären zum Beispiel: Welche*r/Welche_r/Welche:r/Welchix Enby?


So, das war’s auch schon mit dem Grammatik Exkurs! Mit ausreichend Übung gehen neue Pronomen irgendwann so flüssig von der Zunge und/oder den Fingern wie herkömmliche.

Hier gibt’s einen tollen Text zum „Umgang mit neuen Pronomen“.

Hier gibt es eine umfassende Erläuterung zum Pronomen xier.

Hier gibt es einen Einblick in mögliche Pronomen.

Wie übt ihr Pronomen? Her mit euren besten Tipps in den Kommentaren.

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

3 Kommentare zu „Conni benutzt jetzt Neopronomen – Pronomen üben“

  1. Danke für den Text! Mir ist bei den Possesivpronomen der Unterschied zwischen sien und sier nicht klar. Erst sagst du „Das ist sein/ihr/sien/… Pronomen“, dann nutzt du unten aber sier bzw. siere. Das Geschlecht des Objekts kommt ja durch das -e am Ende, aber ist die „Grundform“ nun sien oder sier? Oder egal? Oder steh ich grad auf dem Schlauch?

  2. So einen ähnlichen Artikel habe ich auch halbfertig rumliegen – aber umso schöner, dass es Deinen jetzt gibt. Und danke für die tollen Übungstexte!

    Kinderbücher sind für mich auch eine schöne Spielwiese (auch, weil ich sie relativ gut auswendig kenne und daher ein bisschen planen kann). Und schriftlich geht es für mich schon gut, aber im mündlichen Gespräch fällt es mir noch echt schwer, da scheitere ich leider auch noch am Binnen-I.

    Mir fehlt im Meatspace vielleicht auch eine „Übungsgruppe“, Menschen die auch offen gegenüber Neopronomen sind.

    Gehören zu dem Thema üben vielleicht auch (ich weiß gerade nicht, wie ich das ausdrücken kann) Pluralpronomen für Menschen, die z.B. Viele in einem Körper sind und entsprechend im Plural angesprochen werden möchten? Wobei es da nicht um Neopronomen geht, insofern nicht.

Dein Senf dazu (was du hier schreibst bleibt übrigens gespeichert, ist klar, oder? Inklusive evtl. eingegebener Daten usw. guck auf die Datenschutz-Seite!):

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