Nomen est omen – Vornamenswahl und geschlechtsoffene Erziehung

Das 7jährige Kind von Mein Glück hat mich (indirekt) gefragt, warum unsere Kinder Namen tragen, die ihrem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprechen.

Das ist nicht das erste Mal, dass mir die Frage gestellt wird und mit der Geburt von Noob3 ist sie gerade wieder aktuell, deshalb beantworte ich das mal in Langform hier auf dem Blog.

Grundsätzlich dürfen in Deutschland „geschlechtsuneindeutige“ Namen noch gar nicht so lange ohne einen „geschlechtsspezifischen“ zweiten Vornamen vergeben werden. Wer sein Kind etwa Eike nennen wollte, musste bis vor wenigen Jahren als zweiten Namen zum Beispiel „Jaqueline“ oder „Maximilian“ dranhängen. Diese Praxis wurde zwar abgeschafft, das ist aber noch nicht bei allen Standesämtern angekommen – und ob die zuständige Person einen neutralen Namen durchwinkt oder eben nicht ist noch relativ willkürlich.

Ein bisschen ließ sich da früher schon tricksen, indem zum Beispiel Namen vergeben wurden, die in Deutschland als geschlechtsspezifisch gelten, in anderen Ländern aber neutral oder spezifisch für das binäre Geschlecht, das dem Kind nicht zugewiesen wurde. „Andrea“ ist so ein Name. In Deutschland weiblich, in Italien männlich. Trotzdem würde ein Kind, das in Deutschland mit dem Namen Andrea aufwächst erstmal weiblich gegendert werden, wenn nur der Name bekannt ist.

Dann kommt die Auswahl an Namen. Neutrale Namen sind rar. Es gibt natürlich zahlreiche Namenslisten mit neutralen Vornamen, aber die mit den geschlechtsspezifischen Vornamen sind ungleich länger.

Wir vergeben die Namen unserer Kinder vorranging nach Aspekten von Bedeutung und Klang – und uns gefallen die meisten neutralen Vornamen schlicht nicht.

Auf der Auswahlliste von neutralen Namen standen bei uns Eli, Jona, Robin, Luca, Luan, Mika und Noa. Fun Fact: Jonah mit h hinten und Noah mit h hinten gelten in Deutschland beide als geschlechtsspezifisch männlich. Tja, aber nachdem Eli, Luan und Noa nach Namensfindungsdiskussionen zwischen dem Mann und mir von der Liste flogen, blieben nur noch Jona, Robin, Luca und Mika.

Jona, Luca und Robin sind bereits an Kinder im Bekanntenkreis vergeben und Mikas kenne ich inzwischen drei oder vier. Ich mag die Namen trotzdem sehr gerne, aber sie kamen halt für Noob3 nicht in Frage.

Nun haben unsere Kinder zwei Vornamen und theoretisch hätten wir ja zumindest einen davon neutral wählen können ohne auf größere Schwierigkeiten zu stoßen. Haben wir aber nicht. Weil uns andere Namen besser gefielen.

Wäre es in Deutschland möglich, Vornamen einfach nach Gefallen auszuwählen, dann hätten unsere Kinder vermutlich entweder alle „weibliche“ Vornamen oder je einen „männlichen“ und einen „weiblichen“.

Ich hätte überhaupt nichts gegen ein Kind namens Martha Nathanael oder Richard Friederike (alles Namen von unserer Auswahlliste die es nicht ins Finale geschafft haben ;) ). Das darf in Deutschland aber nicht sein.

Soweit die Überlegungen auf Grund deutscher Rechtslage. Unsere Kinder haben also ganz banal Vornamen, die dem zugewiesenen Geschlecht zugewiesen sind.

Womit wir dann beim nächsten Punkt wären: welche Vornamen „männlich“ und welche „weiblich“ sind ist ebenso kulturell gewachsen wie das 2-Geschlechter-System. Ein „weiblicher“ Vorname macht keinen Menschen zur Frau. Ebenso wenig wie alle Menschen die „sie“ als Pronomen nutzen, weiblich sind. Die gesamte Konstruktion des 2-Geschlechter-Systems funktioniert über Sprache und um sie aufzubrechen schadet es nicht die Bedeutung zu erweitern.

Mama Juja hatte in ihrem Gastbeitrag hier auch das Lied „A boy named Sue“ von Johnny Cash erwähnt. In dem Lied wächst ein Junge ohne seinen Vater auf und das einzige was dieser hinterließ, war die Entscheidung sein Kind „Sue“ zu nennen – ein „weiblicher“ Name. Das Kind wächst mit Hänseleien auf und trifft irgendwann auf den Vater, der erklärt er habe dem Kind den Namen gegeben um es stark zu machen, abzuhärten (weil er ja wusste, dass er als männliches Vorbild dem Sohn nicht zur Verfügung stehen wird). Nun könnte ich an dieser Stelle was über toxische Maskulinität schreiben, das klemme ich mir aber mal und weise auf etwas anderes hin: Der Junge wird weder zum Mädchen durch seinen Namen, noch ändert er den Namen (obwohl er ihn verabscheut). Er ist eben „a boy named Sue“.

Sollten unsere Kinder ihre Namen irgendwann ablehnen, dann sprechen wir sie anders an. Punkt. Und dabei ist es egal ob sie cis oder trans sind. Wenn sie eine Namenänderung anstreben, dann werden wir sie unterstützen – auch wenn ich hoffe, dass das in naher Zukunft leichter wird und es nicht mehr viel Unterstützung braucht.

Natürlich haben wir die Namen mit Bedacht, Bedeutung und der Hoffnung, dass sie unsere Kinder durch ihr Leben begleiten werden gewählt. Aber wenn das nicht so ist, dann ist das nicht so. Immerhin müssen die kleinen Wesen in ihren ersten Lebenswochen benannt werden, wo wir sie gerade erst kennen lernen. Vielleicht passen andere Namen besser zu ihnen und wir haben das einfach nur nicht gewusst.

Vielleicht stört sich Noob2 zum Beispiel an der stark christlichen Bedeutung seines Vornamens. Vielleicht möchte Noob1 einen Vornamen der auch in einer 2-Geschlechter-Welt besser auf das Geschlecht von Noob1 hinweist, statt auf das zugewiesene. Und Noob3 ist der Name den wir gewählt haben vielleicht schlicht und ergreifend zu lang. Das ist dann einfach so.

Namen haben in unserer Kultur und in den meisten anderen eine große Bedeutung – nicht umsonst ranken sich Mythen um „wahre Namen“, die Benennung von Wesen und Dingen ist Teil vieler Schöpfungsmythen (so auch des christlichen). Nomen est omen.

Und deshalb haben wir das helle Licht, die kämpferische Gabe Gottes und die andersartige anführende Person hier. Auch bekannt als Noob 1, 2 & 3.

Advertisements

Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

5 Kommentare zu „Nomen est omen – Vornamenswahl und geschlechtsoffene Erziehung“

  1. Danke für den schönen Einblick und die Beantwortung einer der Fragen die wir auch hier zu Hause mal andiskutiert haben. Persönliche Gespräche kommen ja gerade etwas kurz;)

  2. Oh, was für schöne Gedanken. Ähnlich haben wir es bei den Kindernamen auch überlegt – und zusätzlich relativ lange Namen vergeben, die auf unterschiedlichste Weisen abgekürzt werden können (und die in der kurzen Spitznamenversion weit weniger eindeutig sind).

  3. Schade, dass das mit den „gemischten Namen“ nicht geht. Deine Beispiele hätte ich sofort genommenen ^_^;

    Vielleicht eine Idee, die aber ohnehin auf viele Namen zutrifft: „Leicht änderbare Namen“ probieren. (Wobei das vielleicht auch den Schmerz unterschätzt, der mit einem auf ein falsches Geschlecht hinweisenden Namen verbunden sein kann. Also auch, wenn ich den Namen ändern könnte, zucke ich vielleicht immer zusammen, ob jetzt nicht wieder was verletzendes gesagt wird und suche mir daher trotzdem einen ganz anderen, passenden Namen.)

    Und auch: Uneindeutige oder unterschiedliche Kürzungen/ Spitznamen verwenden.

Dein Senf dazu (was du hier schreibst bleibt übrigens gespeichert, ist klar, oder? Inklusive evtl. eingegebener Daten usw. guck auf die Datenschutz-Seite!):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.