Rapurzel oder: ob die Länge wirklich zählt [Gastbeitrag von Mama Juja]

Ich habe im Geburtsbericht ja schon angeteasert, dass es hier einen total tollen Text von Mama Juja geben wird. Ihr kennt sie vielleicht von anderen Gelegenheiten wie zum Beispiel #Ferdifluff oder der #Gretchenfrage oder einem ihrer unzähligen genialen Texte (hier der aktuellste). Wenn ihr sie noch nicht kennt, ändert das. Die Frau ist weltklasse. Ihre Familie auch.

Mama Juja hat für mein Wochenbett gastgebloggt. Und bevor das Wochenbett vorbei ist, möchte ich diesen Text mit euch teilen. Mama Juja schreibt hier nämlich über eines meiner Lieblingsthemen: Genderkrams und Kinder.

So jetzt hör ich auf zu blubbern und lasse euch den Text lesen.

Rapurzel

oder: ob die Länge wirklich zählt

Kurz vor meinem ersten Blogeintrag war mein persönlicher Tag Null. Auf so vielerlei Weise. Aber die Kurzfassung lautet: Mein bis dahin langhaariges, vierjähriges Wikingerkind hat an einem Montag gegen 21 Uhr entschieden: Es mag keine langen Haare mehr. Und weil wir einen Deal diesbezüglich hatten, hatte das Kind eine halbe Stunde später 12 mm kurze Stoppeln auf dem Kopf und ich einen Sack voll weichem, blonden, wundersch…. Ähm. Ich meine: Der Sohn hatte dann kurze Haare.IMG_20160725_221048898

Ich habe mich nur langsam an den Anblick gewöhnt. Und es ist mir furchtbar peinlich, dass es so ist. Denn es gibt vielleicht wenig Alberneres, als die Frage, welche Haarlänge einem Kind besonders gut steht. Was aber ganz und gar nicht albern ist und letztlich auch der Grund für diesen Beitrag: Mein Kind wurde vom Tag seines „Frisörbesuches“ im elterlichen Badezimmer an anders behandelt. Er war jetzt ein „richtiger“ Junge. Und ich könnte jedes Mal explodieren, wenn ich auch nur an diesen Satz denke.

A boy namend Sue

Aber drehen wir die Zeit zurück: Wie war es denn so als „falscher Junge“? Ich muss gestehen, ich hatte es bis zu diesem Satz schon fast verdrängt. Aber es ist schon so: Als Bub mit langen Haaren hatte es der Großwikinger nicht leicht. Weder bei den Menschen im fortgeschrittenen Alter, noch bei anderen Kindern. Und während ich Letzteren das Missverständnis nachsehe, ist mir unbegreiflich, wie ein mündiger erwachsener Mensch so reagieren kann.

„Oh, ein Bub? Ja, das sieht man ja gar nicht bei den langen Haaren!“

Öhm- ein Kind, soviel steht aber fest, oder?

„Ach, WikingerIENE heißt Du?“ „Nein, Wikinger.“ „Die kann noch nicht so gut reden, die WikingerIENE, gell?!“

Äh doch. Sehr sogar. Sie können nicht so gut zuhören, oder?

„Ja, junge Frau, du spielst auch gerne Lego? Das freut mich ja.“

Ja, gute Frau, Kinder spielen, ich bin da auch froh.

„Willst Du die Haare denn nicht abschneiden, damit man auch SIEHT, dass du ein richtiger Junge bist?“

Wollen Sie noch lauter reden, damit man HÖRT, was für ein Vollpfosten Sie sind?!

My name is Sue, how do you do?!

Versteht mich nicht falsch. Ich bin im Vergleich zu sehr vielen Leuten, die ich kenne quasi eine Art Elefant der Gender-Porzellan-Abteilung. Die Drachen in meinen Geschichten sind irgendwie alle Jungs, meine Kinder sind irgendwie ziemlich klassische Rabauken und wenn es mit mir durchgeht, hört Ihr von mir Sätze wie „Prinzessin, so geht das aber nicht!“. Zu meiner Ehrenrettung: Ich arbeite dran. Aber ich bin beileibe nicht die einzige, die da Nachholbedarf hat… Zumindest nicht, was die verflixte Haarlänge angeht. IMG_20160606_155311794

Wer zur Hölle hat denn bitte erwachsenen Menschen die Idee eingepflanzt, dass mit zunehmender Haarlänge  die Männlichkeit schwindet? Echt jetzt! Woher kommt die Idee? Oder glauben diese Leute auch, dass ich zu den Zeiten, als ich streichholzkurzes Haar trug, temporär verkerlt war? Gehen die davon aus, dass die Lübeck Oma eigentlich ein Lübeck Opa ist, weil wegen kurze Haare? Irgendwie nicht, oder? Aber mit Kindern darf man so einen Schrott verzapfen? Nee, Ihr Lieben, nee.

Es ist nicht so schwierig. Also, das, was ich mir so von meiner Umwelt wünsche. Es ist eigentlich super einfach: Reden wir von und mit Kindern. Nicht mit Jungs oder Mädchen. Erstmal mit Kindern. Wenn es für uns wichtig ist, das Kind näher kennenzulernen, fragen wir einfach nach dem Namen. Der klärt schon viel. Oft sogar die eigentlich völlig irrelevante Frage nach dem (zugewiesenen) Geschlecht. Und jetzt kommt der Knaller:

Dann hören wir zu.

IMG_20160403_142028922Wir unterbrechen das Kind nicht, wir verbessern es nicht, wir hören zu und nehmen einfach mal an, was es sagt. Wenn es sagt „Hi, ich bin der Stefanie!“ dann wird das ab sofort der Stefanie für uns sein. Und wenn das Kind, so wie meines zumeist, darauf hinweist, dass man einen Schlangendrachen aus Ninjago mit Goldschuppen und Feuereisatem vor sich habe, dann ist das eben so. Wer keine Lust auf diese Art Gespräch mit Kindern hat, der sollte einfach auch nicht mit Kindern reden. Dem kann ihr Geschlecht und ihre Haarlänge aber auch einfach egal sein. Der muss auch nicht mich darauf ansprechen, dass das vermeintliche Mädchen aber doch sehr wild sei. Denn: Wer hat was von dem Hinweis? Wem nutzt die plakative Nachfrage „Ach, ein Juuuunge?“? Was soll ich dazu denn groß sagen?

„Wir ziehen es im Wechselmodell der Geschlechter auf. Montag bis Mittwoch Junge mit Mädchenkleidung, Donnerstag bis Samstag Mädchen in Jungenkleidung und Sonntag darf es gar keine Kleidung tragen.“

Findet auch wieder keiner witzig. Ich finde nicht witzig, dass Menschen von mir oder meinem Kind verlangen, etwas völlig Irrelevantes auf den ersten Blick für fremde (!) Leute sichtbar zu machen. Bittesehr. Gefälligst. Ähm, hallo? Wer ist mein Kind denn, dass es diese Verpflichtung hätte? Wenn es Menschen verwirrt, meine Kinder zu sehen, dann bitte ich sie inständig: Macht die Augen einfach zu. Ich mag es nicht mehr erklären, weil es für Euch egal sein muss und mir eigentlich auch schnuppe ist. Wichtig ist mir, ob da ein glückliches Kind spielt und nicht, ob da ein Penis spielt.

 

Ähnlich sehe ich das mit der Haarlänge.

Übrigens nicht falsch verstehen: Wer seine Tochter in rosa hüllen mag, der soll das tun. Wer seinen Sohn in pink hüllen mag auch. Aber es gibt eben keine Verpflichtung gegenüber Fremden, irgendwas an unseren Kindern gut sichtbar zu machen. Die gedanklichen Einschränkungen anderer sollen nicht die Lebensaufgabe meines (bald wieder) langhaarigen Kindes werden. Der hat genug damit zu tun, Altersgenossen zu erklären, dass der größte und stärkste Mann im Umkreis von gut 50 km auch die längsten Haare in diesem Umkreis haben dürfte. Ach, wie gerne hätte ich den Wikingergatten nicht nur zu meiner Erbauung öfter auf dem Spielplatz dabei! Ich kenne keine einzige Oma und keinen einzigen Rotzbengel, der je versuchte hätte, dem Wikingergatten zu sagen, er könne kein Kerl sein, weil er lange Haare hat…jujawikibild4

Zurück zum Punkt: Der einzige Grund, die Kinder für Fremde und Freunde plakativ und gut sichtbar zu machen ist der zu ihrem eigenen Schutze im Straßenverkehr. Neongelbgrünrosahellblauaugenkrebsfarben in der Dämmerung und bei Nebel bitte. Ansonsten brauchen Kinder keinerlei Erkennungszeichen („Sie trägt das Stirnband mit Glitzerblume in rosa, weil ihre Haare noch nicht lang genug für eine Spange sind!“). Keine Erkennungsfarben. Keine Erkennungsfrisuren.

 

Eine Zeit lang hat es der Großwikinger ziemlich schwer genommen, wenn er als Junge nicht ernst genommen wurde. Er hat dann blank gezogen. Und wäre es nicht so privat und die Gefahr von Menschen mit pädophilen Neigungen nicht so allgegenwärtig, dann wäre das doch eine saucoole Reaktion auf die ungläubige Frage: „Waaas, ein Juuunge???“. Zack, Schnibbel augepackt, Ruhe.

Fun Fact: Als was sich das Kind fühlt erkennt man aber nicht am Geschlechtsorgan.

Und auch nicht an der Haarlänge oder dem Stirnband. Dazu muss man es schon fragen und meistens ziemlich lange und intensive Gespräche führen. Aber das nur nebenbei. Denn völlig egal, was es biologisch sein mag, als was es sich fühlt oder wie es aussieht: Ich geh mein Kind jetzt küssen.

Eine Million Mal. Solltet Ihr auch tun. Tut gut!

Eure Julia

 

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

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