Was lange währt… – Die Geburt von Noob3

Hinweis: Was folgt ist ein Geburtsbericht. Ich fand die Geburt sehr schön, trotzdem kann der Bericht Erwähnungen von Dingen enthalten, die du nicht schön findest. Insbesondere wenn du also gerade selbst schwanger bist oder eine beschissene Geburtserfahrung hinter dir hast, pass bitte auf dich auf.

„Wenn die ersten Blumen ihre Köpfe aus der Erde strecken, dann wird euer Geschwisterchen geboren werden.“
Das war es was ich Noob1 und Noob2 erzählt hatte. Der errechnete Termin war am 11.3.
Und weil Noob1 bei 40+2 kam und Noob2 bei 38+4 habe ich nicht wirklich damit gerechnet über den Termin zu gehen.

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Krokus im Garten. Deutlich vor Noob3 da gewesen.

 Am 18.2. sollte die Rufbereitschaft der Hebammen für die Hausgeburt beginnen. Und meine Bachelorarbeit wollte auch noch geschrieben werden. Am 16.2. schrieb ich den letzten Satz. Am 17.2. finalisierte ich sie inhaltlich und gab sie Menschen zum Korrektur lesen (Danke, ihr Tollen).
Die Sachen für die Hausgeburt standen bereit. Eine Kliniktasche – sollten wir ins Krankenhaus müssen – war gepackt.
Also alles startklar.

Aber Kinder haben ihren eigenen Kopf. Auch im Elterleib. Noob3 hatte sich gemütlich eingerichtet in meinem Bauch und dachte gar nicht daran, diesen zu verlassen. Mein Schwager und mein Schwiegervater feierten ihre Geburtstage Anfang März ohne, so wie meine Schwiegermutter zwei Jahre zuvor, ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk zu bekommen.

Ich wurde täglich ungeduldiger. Ich bin sowieso kein geduldiger Mensch. Und wenn ich mit Wassereinlagerungen, mehr als 20kg extra und mörderischen Schmerzen beim Laufen darauf warten soll, dass sich ein Babykopf aus meiner Vagina schiebt, ist das meiner Geduld nicht wirklich zuträglich.

Der errechnete Termin kam – und ging. Ich hatte immer wieder Wehen. Auch solche bei denen ich dachte: da könnte was draus werden. Einmal blieb der Mann auch zu Hause weil die Wehen seit drei Stunden kamen und mit warmem Wasser blieben – nur um dann wieder zu verschwinden.

Ab einer Woche vor Termin blieb der Mann ganz zu Hause. Tja, dass er soviele Urlaubstage verbrauchen würde konnte ja kein Mensch ahnen.

Ab 40+3 beginnt die lustige „Hilfe das Kind bleibt länger drin!“ Untersuchungstour. Bei 40+3, 40+6, 41+2, 41+4 fuhr mein Schwiegervater uns ins Krankenhaus. CTG und Ultraschall um nach dem Fruchtwasser-Stand zu gucken. Immer lange Wartezeiten. Immer das gleiche Ergebnis: alles okay.

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Wartezimmerfußbodenbild. Eines von vielen.

Bei 41+5 wechselte die Rufbereitschaft der Hebammen wieder – und die Hebamme die jetzt „dran“ war, rief mich an, dass sie krank sei. Damit war eines klar: auch dieses Kind wird im Krankenhaus zur Welt kommen.
Eine Nachricht die mich einerseits sehr traurig machte – denn ich finde beide Hebammen total toll und hätte gerne mit ihnen zu Hause mein Kind bekommen – andererseits aber auch klare Verhältnisse schaffte: denn ab 15 Tagen über dem Termin hätte ich eh einleiten lassen müssen und dieses Wissen im Hinterkopf sorgte für ordentlich Druck, je näher dieser Zeitpunkt rückte.

Wir riefen also im Krankenhaus an um mitzuteilen, dass wir dorthin kommen würden zur Entbindung. Wir fragten ob zufällig direkt heute Platz zwecks Einleitung wäre (dass ich ungeduldig bin und Dinge gern erledigt weiß, erwähnte ich?). Die Antwort lautete nicht nur: „Nein.“. Die Antwort lautete: „Wenn Ihr Kind heute Nacht loslegt müssen Sie bitte in ein anderes Krankenhaus, wir sind komplett voll, nehmen keine Gebärenden mehr auf und schon geplante Einleitungen wurden bereits verschoben.“
Uff.

Das war dann nach fast fünf Wochen ungeduldigen Wartens auf Wehen, Blasensprung oder sonstwas die erste Nacht in der ich hoffte, keine Wehen zu kriegen.
Natürlich bekam ich Wehen.
Sie waren nicht super stark, aber ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass diese Wehen einen Effekt hatten, irgendwas in Gang brachten.

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Letztes Bauchbild.

Der nächste Tag, 41+6, 13 Tage über Termin: um 13 Uhr stand wieder ein Kontrolltermin auf dem Programm.
Der Mann rief im Krankenhaus an, wie es denn heute aussähe mit Einleitung und ob ich direkt bleiben könne nach dem Untersuchungstermin. Ja, alle Geburten durch, Platz für neue.

Gegen 11 Uhr löste sich der Schleimpfropf. „Du Trollkind“, dachte ich.
Ich setzte darauf, dass die 20min im Auto vielleicht Wehen auslösen würden. Pustekuchen.
Ich kam wehenlos im Krankenhaus an. Auch das Warten auf die Untersuchung verlief ereignislos. Als ich dann am CTG lag: Wehen. So richtig schöne, Geburtsbeginn bedeutende, kräftige Wehen, noch nicht super lang und mit viel Abstand.
Die Untersuchung der Hebamme ergab: durchlässig für zwei Finger. Nichts weltbewegendes, es war 14 Uhr.
Wir verabredeten uns zum Wehencocktail um 17.30 Uhr. Bis dahin stand was essen und spazieren gehen auf dem Programm.

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Allsehender Baum auf dem Krankenhausgelände. Ihr seht die vielen Augen doch auch?

Wir holten uns Kaffee und Kuchen und ich hatte Wehen. Es war ein sehr sonniger Samstag. Ich kaufte eine hübsche Postkarte für meine Oma, weil ja am kommenden Wochenende Ostern war.
Mit Kaffee und Kuchen gingen wir über das Krankenhausgelände. Eigentlich wollten wir zur Havel. Aber mir waren die Wehen dann irgendwie zu intensiv um so weit zu laufen. Wir suchten uns eine Bank in der Sonne, aßen Kuchen, tranken Kaffee und ich wehte vor mich hin.
Danach wollte ich dann doch lieber auf das Zimmer, das wir in der Wartezeit auf’s CTG bezogen hatten.
Es war noch ein anderes Paar da, das auf Wehen wartete.

Kurz vor 17 Uhr teilte ich dem Mann mit, dass er nicht darauf warten darf, dass es was zu essen gibt. Ich wollte in den Kreißsaal.
Dort angekommen sagte ich der Hebamme, dass ich keinen Wehencocktail mehr brauchen würde. Sie schickte uns in den Kreißsaal und ließ mir Wasser in die Wanne.
Da blieb ich eine Weile, genoß das lauwarme Wasser (ich mag kein warmes Wasser) und die stärker werdenden Wehen. Der Mann überlegte ob er sich wohl noch Essen holen gehen könne und gab den Stand an Schwiegers und die zwei großen Kinder zu Hause weiter „Ravna im Kreißsaal, Wehen sind da, wir melden uns später.“. Er durfte kein Essen holen.
Mein Rücken beschwerte sich allmählich über die Wanne. Ich habe eine Wirbelsäulenverkrümmung und eine beidseitige Hüftdysplasie, das wird manchmal sehr unbequem. Insbesondere beim Gebären.
Mit der Hebamme besprach ich das weitere Vorgehen.
Wehe.
Aus der Wanne klettern.
Wehe.
Abtrocknen.
Wehe.
Richtung Toilette laufen.
Wehe.
Pipi machen.
Wehe.
In den Kreißsaal laufen.
Wehe.
Neben dem Bett am Boden in den Vierfüßler-Stand gehen.
Wehe.
Mich am Bett festhalten, Kopf ins Kissen.
Wehe um Wehe dem Kind entgegen.
Die Hebamme fragte ob ich das eine Bein aufstellen könne.
Können konnte ich, tat aber weh wie Hölle. Also Bein wieder runter. Weiter wehen.
Die Hebamme begann meinen Damm mit Öl zu versorgen – Aha, so sieht aktiver Dammschutz durch eine Hebamme aus – dachte ich zwischen zwei Wehen. Hatte ich bei den beiden anderen nicht.
Der Mann gab mir immer wieder zu trinken – packt euch Strohhalme in die Kliniktasche! Strohhalme sind Gold wert beim Trinken unter der Geburt (und deshalb hatte ich welche eingepackt).
Ich hielt mich an seinem einen Arm und dem Bett fest.
Irgendwann sagte ich ihm er solle seinen Arm wegnehmen – ich packte nicht so fest zu wie ich gewollt hätte, aus Sorge ihn zu verletzen. Das Bett hatte dann doch weniger Schmerzempfinden.
Zwischendurch stieg Panik in mir auf. Die Erinnerung an die erste Geburt und die Wunden die sie hinterlassen hatte, waren auf einmal wieder präsent. Aber die Hebamme schaffte es mich zu beruhigen, mir Mut zu machen.
Das Gefühl einfach komplett zu zerreißen blieb.
Aber aus der Panik wurde Angst, aus der Angst Ruhe und aus der Ruhe Kraft. Danke, wunderbare Hebamme, die du mich diese Kraft hast finden lassen!
Tja. Und dann war das Baby da. Einfach so. Ich konnte es gar nicht richtig glauben. Um 19.24 Uhr kam unser kleines süßes Trollkind zur Welt.
Die Hebamme, mein Mann und eine dritte Person (wo war die denn hergekommen?) die ich in dem Moment nicht zuordnen konnte, halfen mir auf’s Bett.
Ich hielt mit zittrigen Armen das Baby, noch mit der Nabelschnur mit mir verbunden und hatte Angst es fallen zu lassen.
Es kam mir vor wie eine Ewigkeit bis ich es auf’s Bett geschafft hatte.
So lange kann’s aber nicht gewesen sein, denn im Geburtsverlaufsbericht der Hebamme steht: 19.31 Uhr Plazenta. Die Plazenta kam als die Hebamme gerade irgendwas weglegte ganz schnell und unkompliziert.
Danach ist dann alles ein bisschen verschwommen. Hormone!
Ich wurde untersucht – ein Dammriss ersten Grades, nix Schlimmes (nach einem Dammriss dritten Grades bei Noob1 und einem Dammschnitt bei Noob2 hatte ich mich auf Übleres eingestellt).
Ich stillte das Baby und beschwerte mich bei ihm über die lange Lieferzeit.
Ich bedankte mich bei der wundervollen Hebamme für die wunderbare Geburt.

Wir informierten die Familie und die Schwiegereltern packten die großen Kinder ein um noch kurz das neue Baby kennen zu lernen.
Noob1 war verzuckert, ruhig und andächtig, sanft und kuschelig. Noob2 war müde und irritiert und konnte mit der Situation nix anfangen.
Dann fuhren sie nach Hause um ins Bett gebracht zu werden. Wir verabredeten nach Absprache mit der Hebamme, dass mein Schwiegervater uns gegen 23.30 Uhr abholen würde. Uns alle drei.

Die Ärztin kam zum Nähen und stellte sich als die dritte Person vor, die mir vorhin so nett aufs Bett geholfen hatte.
Das erklärte mir immer noch nicht wann und wie sie ins Zimmer gekommen war aber das klärte mein Mann dann später auf (die Hebamme hatte ihm einen Knopf gegeben, den er auf ihr Kommando drücken sollte – in der Endphase der Geburt um die Ärztin dazu zu rufen. Das hat er getan und die Ärztin kam, setze sich in eine Ecke und ließ das Baby, mich und die Hebamme machen). Sie nähte eine gefühlte Ewigkeit und es tat anfangs ziemlich weh. Nach mehreren Spritzen zum Betäuben ging es dann aber.

Danach war noch stillen, Kind anziehen (das hat der Mann gemacht), meinen Blutdruck angucken, aufstehen und Duschen angesagt. Bei mir und dem Kind war alles in bester Ordnung: wir durften nach Hause.

Um Mitternacht verließen wir die Klinik.
Mit Noob3, unserem Trollkind.
3635g kleiner Mensch.

Jetzt ist es schon drei Wochen bei uns, dieses Kind. Es ist zuckersüß, lächelt viel, trinkt viel, wächst, gedeiht und ist generell ziemlich unaufgeregt. Hat halt die Ruhe weg, ne?

Und die Bachelorarbeit ist auch abgegeben.

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Was lange währt, wird endlich gut.

 

Demnächst auf diesem Blog:
Die Frau die immer ihre Kinder küsst, hat einen Gastbeitrag geschrieben! Schaut wieder vorbei! Wir lesen uns jetzt hoffentlich wieder öfter.

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

Ein Gedanke zu „Was lange währt… – Die Geburt von Noob3“

  1. Wie schön!

    Deine Beschreibung erinnert mich sehr an die Geburt von meinem K1 – es klingt genau so wunderschön und, auch wenn das ein komisches Wort ist, in Verbindung mit so ei ner anstrengenden und schmerzhaften Sache wie einer Geburt: Entspannt. So wie es sein soll.

    Wie wunderwunderschön!

    Gefällt 1 Person

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