Mädchenmama – Jungsmama

Immer wenn ich Sätze lese/höre wie „Ich bin ja eine richtige Jungsmama, diese ganzen Mädchensachen – das wäre nichts für mich, ich mag es im Matsch zu toben!“ oder „Ich bin so gern eine Mädchenmama, ich liebe rosa Glitzerkleider und Mädchen sind auch viel ruhiger und nicht so schmutzig!“ kriege ich das kalte Kotzen und überlege ernsthaft ob man nicht vielleicht mit Wälzern wie „Das andere Geschlecht“ zumindest ein bisschen auf diese Köpfe eindreschen könnte. (Hint: nein, Gewalt ist niemals eine Lösung, aber manchmal die Vorstellung davon ein kurzfristiges Wutventil.).

Übrigens: „Mädchen-/Jungspapa“ ist viel seltener zu lesen. Ist aber eine andere Geschichte und liegt mit Sicherheit auch viel in der Aufteilung der Care-Arbeit (Lesetipp von @genderbeitrag: Zeit Serie 50/50) begründet.

Ich weiß welche Genitalien meine Kinder mit auf die Welt gebracht haben.Vielleicht sind sie auch inter, das weiß mensch oft gar nicht,…. Ich habe aber keine Ahnung ob sie sich mit ihrem Penis bzw. ihrer Vulvina später wohlfühlen, ob sie in den Rollen aufgehen die gesellschaftlich Menschen mit dem einen oder dem anderen zwischen den Beinen zugeschrieben werden oder ob sie da eigentlich so gar keinen Bock drauf haben, ob sie trans sind, agender oder einfach queer,…

Nun kann ich mit dem ganzen Geschlechts-Kladderadatsch eh nicht soviel anfangen. Es ist mir vollkommen schleierhaft wie irgendwer glauben kann, dass sein*ihr Genital und seine*ihre geschlechtsspezfische Ausstattung, ihn*sie in irgend einer Weise definieren die darüber hinaus geht ob mensch zum Namen in den Schnee pinkeln ’ne Stehpinkelhilfe braucht oder nicht.

 

Fun Fact am Rande: für meine Rollenspielgruppe habe ich ein Volk beschrieben dessen wichtigstes gesellschaftliches Merkmal ihr Genital-Ausstattung ist. Es definiert, welche Berufe sie üblicherweise erlernen können, welchen gesellschaftlichen Rang sie innehaben, ob sie sich um Kinderaufzucht kümmern,… Das fanden alle in der Gruppe seltsam. Dass das bei Menschen in der Realität exakt so ist, wird nicht als seltsam empfunden.

Wer sagt „Ich bin Mädchen/Jungsmama“, der möchte damit etwas bestimmtes ausdrücken, was über die Genitalausstattung hinausgeht. Meist passiert die „Junge“ bzw. „Mädchen“ Zuschreibung schon in der Schwangerschaft, spätestens aber bei der Geburt.

Glückwunschkarten gibt’s dann in Rosa oder Blau, ebenso Erstausstattung, Schnuller, Kinderwagen, vermutlich demnächst sogar Brustpumpen in Blau und Rosa, nicht dass das Kind durch das neutrale weiß in dem die Milch der stillenden Person gelegentlich aufgefangen wird, auf den Gedanken kommt, es wäre vielleicht frei in der Farbwahl,… führt dann halt zu sexistischer Kackscheiße im Kinderzimmer.

Und dann irgendwann kommt es, als Hashtag auf instagram #jungsmama oder in einem Gespräch auf Twitter „Ich bin ja Mädchenmama,…“ und ich sitze da und beiße mir auf die Zunge. Das machen Blogger*innen die ich sehr schätze und mag. Das ist weit verbreitet. Und ich finde es an sovielen Ecken und Enden falsch, dass ich nicht weiß wo ich anfangen soll.

Ihr kennt das Geschlecht eurer Kinder nicht, ihr schreibt es den Kindern zu.

Dadurch limitiert ihr die Kinder, bewusst oder unbewusst.

Ihr untertstüzt damit die Vorstellung von zwei Geschlechtern. Die so einfach nicht stimmt. Je weiter die Forschung diesbezüglich voranschreitet, desto spannender wirds.

Warum verankert ihre eure Kinder geschlechtlich, bevor sie sich selbst dazu äußern können (mit 3-5 Jahren fängt das in der Regel an)? Was bringt euch das? Warum macht ihr das? Warum inszeniert ihr euch selbst als Mädchen/Jungen-Mama/Papa?

Ihr müsst das ja nicht lassen. Aber denkt mal darüber nach, okay?

Und lest ein bisschen zum Thema. Zum Beispiel das zum Einstieg wunderbare Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees.“ von Almut Schnerring und Sascha Verlan (die übrigens auch bloggen). Für die buchlesefaulen gibt’s auch eine gleichnamige Facebook-Gruppe.

Es geht mir auch nicht darum, die Kinder komplett neutral zu behandeln. Also doch schon, aber noch nicht aktuell. Langfristig gesehen fände ich das sinnvoll, mittelfristig ist das sprachlich und gesellschaftlich noch nicht so weit. Vielleicht unsere Kindeskinder. Aber es ist an uns, jetzt hier und heute, kurzfristig daran zu arbeiten.

Unsere Kinder haben sogenannte „geschlechtsspezifische“ Namen, zum einen weil es in Deutschland wahnsinnig schwer ist, geschlechtsneutrale Namen durchzudrücken, wenn die Kinder mit „eindeutigen“ Geschlechtsmerkmalen geboren werden (und auch sonst), zum anderen weil unsere Gesellschaft nun einmal von einer (so nicht vorhandenen) Zweigeschlechtlichkeit ausgeht und über diese alles mögliche definiert. Vor allem was normal ist und was nicht.

Dann habe ich persönlich noch den Anspruch, dass Namen auch etwas Bestimmtes bedeuten sollte, etwas was ich den Kindern mit auf den Weg geben möchte. Den Namen den Kind 1 trägt gab es in der Familie schon einmal und der Mensch der ihn trug ist Dreh- und Angelpunkt der schönsten Familiengeschichten. Daher wollte ich ihn stets als zweiten Vornamen, es wurde jetzt der erste aber das ist eine andere Geschichte. Für die Namen von Kind 2 haben wir uns auf Grund der Schwangerschaftsgeschichte entschieden.

Für Ausführlicheres zum Thema verweise ich euch auf meine Kategorie Lillifee & Superman.

Und auf des großen Kindes Lieblingslied zur Zeit.

 

Vielleicht hab ich ja auch leicht reden, ich bin schließlich Kinderelter.

Wenn ihr mögt, haut doch mal in die Kommentare ob ihr das sagt und warum (nicht).

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

9 Kommentare zu „Mädchenmama – Jungsmama“

  1. Bei der ersten Schwangerschaft hielt ich mich selbst eher für die Jungsmama, da nie mit Puppen gespielt und eher von der burschikosen Art als damenhaft ;). Letztendlich hab ich dann aber nicht weiter drüber nachgedacht. Jetzt bin ich zweifache Mutter (Sohn und Tochter) und teilweise eher genervt von Büchern, Spielzeug, Kosmetik, Klamotte, die nach Geschlecht leicht zuzuordnen sein sollen und teilweise da echt geschmacklose Dinge am Start sind.

    Und wenn ich dann auf dem Flohmarkt mit Mini-Me unterwegs bin und die Verkäuferin am Stand das Pinke Fillypferd mit Geräuschen anmacht, um die Aufmerksamkeit meiner Tochter zu erzielen, obwohl diese seit einer gefühlten Ewigkeit selbstgewählt mit Batmanfigur und Matchboxauto am Stand rumdaddelt, dann zeigt es mir doch, wie tief verankert und verwurzelt gewisse Klischees und auch Erwartungen in der Gesellschaft verwurzelt sind.

    Es bleibt spannend, aber als Mutter sehe ich mich einfach nur darin bestärkt, meine beiden Kinder bei ihrem Weg zu unterstützen. In diesem Sinne…

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      1. o.O Dann sollte man vielleicht genauer gucken, was man seine Kinder so gucken lässt. Für ein 3jähriges Mädchen ist das echt nichts.

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  2. Mich erfreut natürlich besonders Schnurpselchens Musikgeschmack :)

    Und falls Du die Werbung erträgst: Vielleicht fühlt Ihr Euch kommenden Samstag auf der Berliner Mad-and -Disability-Pride-Parade (http://pride-parade.de/) auch gut aufgehoben.

    Mir wurde schon gesagt, ich sei eine Jungsmama. Aber damit war gemeint, dass wir halt viel Toben und eher laut sind. Dass die Person das mit Jungs verbindet, muss ich nicht teilen. Ich glaube und hoffe, ich wäre mit Nicht-Jungs genauso.

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    1. Die Werbung ertrage ich, auch wenn ich zu solchen Veranstaltuneg nicht kommen kann. Krieg schon beim Gedanken an die vielen Menschen leichte Angst.
      Genau dieses „Damit ist xyz gemeint“ finde ich so kritisierenswert, denn es beruft sich eigentlich immer auf Stereotypen und verstärkt diese immer wieder durch die Wiederholung, eben weil du, weil ihr vielleicht einfach so seid – ganz unabhängig vom Geschlecht der Kinder.

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  3. Uff, ich denke da gar nicht drüber nach, muss ich gestehen. Ich behandelt mein Kind so, wie ich es auch mit dem anderen Geschlecht tue. Auch die Spielzeuge wären in etwa gleich, zumindest die die wir kaufen. Geschenke werden halt gemacht wie sie gemacht werden. Ich nenne mein Kind dennoch meinen Sohn. Sehe mich aber nicht als Jungsmama. Einfach nur als Mama. Und wenn mein Kind sich anders definieren will, habe ich da kein Problem und werde alle Wege offenen. Und wenn er Kleider haben will, bekommt er diese. Oder seine Puppe, die er im Laden nicht mehr gehen lassen wollte und die wir gekauft haben. Vorallem sehe ich ihn als Kind. Aber bewusst mache ich davon nichts. Ich mache einfach. Und tappe damit sicher auch in die Rosa-Hellblau-Falle.
    Aber das ist so und das finde ich ncijt schlimm. Gerade liebt er Feuerwehr Autos. Also gibt es viele Shirts/Zeug mit Feuerwehr. Wenn er irgendwann Elsa toll findet (oder was auch immer) gibt es halt das. Rosa finde ich generell nicht schön, unabhängig vom Geschlecht, da würde auch ein Mädchen nicht viel mehr haben (derzeit eine Hose und ein Pulli).

    Naja, finde es gut so wie es bei uns ist. Normal und ohne viel Aufsehen, egal in welche Richtung.

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  4. Ich hab mich auch schon mal als Mädchenmama geoutet, als jemand mal online nach der richtigen Säuberung eines Jungengenitals gefragt hat. Da kann ich leider wirklich nicht mitreden ;)
    Ich versuche, so neutral wie möglich zu sein. Aber es ist eine Herausforderung! :)
    Liebe Grüße!

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    1. Wenn mit „Jungengenital“ Penis und Hoden gemeint sind (nicht alle Jungen haben sowas und nicht alle Menschen mit Hoden und Penis sind männlich), dann: Vorhaut bei Wickelkindern in Ruhe lassen, die löst sich erst später. Unter dem Penis und unter den Hoden nach Stuhgang gründlich mit warmem Wasser (oder halt Feuchttüchern, falls die benutzt werden) reinigen, sonst reicht trockentupfen. Eincremen nur bei Wundsein ;)
      Ja, das „neutral“ sein ist manchmal schwer. Deshalb sage ich, dass wir da „offen“ sind, denn neutral sind wir definitiv nicht.

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