Brüllmonster – Gebrüllte Worte und ihre Wirkung auf Kinder

Thema heute: Anbrüllen, Rummotzen und laut werden.

Inklusive Malbuch für Eltern.

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Dass es nicht zu den glorreichsten Momenten im Elternleben gehört, wenn mensch die eigenen Kinder anbrüllt, dürfte klar sein. Trotzdem passiert es selbst den geduldigsten und langmütigsten Eltern vermutlich zumindest gelegentlich.

Auf Twitter fragte ich Ende Feburar:

Ich erhielt mehr und schrecklichere Antworten als ich erwartet hatte.

Also heute etwas schwerere Kost.

Warum brüllen wir eigentlich? Und was können wir dagegen tun?

Dazu gibt es einen wundervollen Beitrag bei „Das gewünschteste Wunschkind

Kurzfassung: Weil WIR ein nicht behobenes Problem haben. Und WIR können an UNS arbeiten. Dadurch wird dann auch die Beziehung zu unseren Kindern besser (sie bleiben aber Kinder und werden keine sachlich argumentierenden Erwachsenen). In „Kleinkinder richtig bestrafen“ habe ich schon mal über Alternativen zum Anbrüllen gebloggt.

Meine Schwester (>Facebook<) hat den Worten eine Gestalt gegeben. Wir haben gemeinsam überlegt wie es sich wohl anfühlt für ein Kind, was es auslöst mit bestimmten Worten angebrüllt zu werden. Wir haben eine Auswahl treffen müssen und haben ein paar sehr häufige Phrasen und einige besonders verletzende aufgenommen.

Wenn ihr das nächste Mal eure Kinder anbrüllen wollt, dann malt doch vielleicht lieber das entsprechende Wort (oder ein anderes) aus. Ich werde es auch versuchen. Am Ende des Beitrags findet ihr alle Bilder zusammen als PDF. Ihr dürft das natürlich gern weiterverbeiten, bitte lasst es aber unverändert und entfernt das Zeichen meiner Schwester nicht.

Ansonst gibt es, ebenfalls beim gewünschtesten Wunschkind, eine Einführung in gewaltfreie Kommunikation.


03 - Ruhe

„Ruhe!“, „Sei leise!“ oder „Still!“ ist etwas, das ich dem Kleinkind öfter mal entgegen brülle – um mich im nächsten Moment zu fragen was bitte genau das bringen soll. RUHE zu brüllen hat ja schon fast etwas absurdes.

02- Still

Ich entschuldige mich, wenn mir soetwas passiert. In der Regel ist das eine Stressreaktion meinerseits darauf, dass das Baby nicht einschläft und das Kleinkind immer lauter wird, weil es gerade gern Aufmerksamkeit haben will. Mein Kind reagiert darauf übrigens korrekter Weise damit, lauter zu werden. Zum Glück konnte ich mich hier schon deutlich bessern. Ich bin allerdings ein unglaublich geräuschempfindlicher Mensch und es gibt Tage an denen mich schon das Tappsen der Katzen kirre macht – aber im Ernst: das kann ich dem Kind auch geschickter vermitteln.

04 - LassDas

„Lass das!“ schlimmstenfalls noch völlig unspezifisch, damit das Kind damit wirklich gar nichts anfangen kann. Was soll das Kind lassen? Warum? Häufig wird dieses Wort nicht nur gebrüllt, sondern auch gezischt vorgetragen, zum Beispiel in dem Glauben niemand sonst in der SBahn würde das wütend gezischte „Lass das!“ hören, das ein Elter seinem fröhlich auf einem Sitz springenden Kind entgegen bringt.

05 - Pass doch auf

„PASS DOCH AUF VERDAMMTE SCHEISSE NOCHMAL JETZT IST HIER ALLES NASS!“. Joar. Kennt ihr? Dabei, seid ehrlich, sind das Sachen die die Kinder in der Regel nicht absichtlich machen. Ein Glas Wasser verschütten, über etwas das am Boden liegt und kaputt geht laufen,… das sind so Sachen die passieren jeder*m von uns. Andauernd. Kinder dafür anzubrüllen geschieht meist aus Stress heraus. Aber ist das wirklich notwendig? (Spoiler: Nein.)

06 - Esreicht

„Es reicht jetzt!“ u.ä. Auswüchse nutze ich gern wenn mir ein Verhalten gegen den Strich geht, das immer wiederholt wird, egal was ich sage. Zum Beispiel vom Sofa hüpfen.

Das witzig-traurige daran? Meist gibt es überhaupt keinen spezifischen Grund weshalb das Kind jetzt damit aufhören sollte. Es fängt einfach an mich zu nerven. Und statt dass ich MICH aus der Situation nehme und mich zB einfach an den Esstisch setze und ein bisschen lese, wälze ich diese Verantwortung aufs Kind ab – wie blöd ist das denn bitte? Auch hier bin ich schon um einiges besser geworden. Zumindest schaffe ich es inzwischen meist ohne Brüllen zu formulieren „Puh, das ist für mich gerade irgendwie nervig, ich setze mich kurz an den Tisch.“.

07 - Geh Weg

„Geh weg!“ habe ich einmal benutzt und es hat in mein Herz gebissen wie das fiese Seele zehrende Monster das es ist. Ein Kind muss nicht weg gehen. Es kann ja nirgendwo hin. Ganz toll dazu „Ausweglos – Wenn Eltern schimpfen und Kinder nicht weg können“ von Susanne Mireau.

08 - Hau ab

„(Hau) Ab!“ ist das irgendwie noch fiesere „Geh weg!“, getoppt wird das nur von dem „Verpiss dich endlich!“ das ich einmal eine Mutter ihrem Kind entgegen brüllen hörte.

Wir Eltern sind die Basis unserer Kinder. Wir sind erstmal alles, was sie haben um ins Leben zu finden. Sie können nicht abhauen. „Hau ab!“, „Geh weg!“ das alles sind Formen der Liebesverweigerung, es vermittelt dem Kind, dass es unerwünscht ist. Was ist besser? „Ich brauche einen Moment Ruhe, ich gehe kurz nach nebenan und komme gleich wieder zu dir. Wenn etwas ist, kannst du trotzdem jederzeit kommen.“.

09 - Schlampe

„Schlampe“ gehört zu den Antworten die ich erschreckend häufig auf meinen Tweet bekam. Mit „Schlampe“ assoziieren die meisten entweder eine Frau, die viele wechselnde Sexualpartner hat oder eine, die enorm unordentlich ist. Ich weiß nicht, welcher Teufel Eltern reitet, die ihre Tochter so nennen. Es wurde mir häufig als ein Wort genannt, welches Kinder in ihrer Pubertät zu hören bekamen. Teenager sind mit Sicherheit nicht immer leicht verdaulich, ich habe noch keine*n und kann deshalb noch nicht berichten. Die Berlinmittemom hat aber da etwas Wundervolles geschrieben über diese schwere Zeit: frisch verliebt in meinen teenie.

Auf jeden Fall ist Schlampe kein adäquates Schimpfwort gegenüber den eigenen Kindern. Genau genommen gegenüber niemandem.

10 - dick

Bodyshaming ist scheiße. Die eigenen Kinder als „Dick“, „fett“ u.ä. zu beschimpfen ist ursächlich für katastrophale Körperbilder.Da könnt ihr euch nicht rausreden. Es ist eine Sache das liebevoll zu nutzen („Mein kleines Dickerchen“) über deren Sinn wir sicher streiten könnten. Eine ganz andere ist es, dem Kind entgegen zu brüllen „Stopf nicht soviel Schokolade in dich, du bist sowieso schon so dick!“ u.ä.

Ich lernte einmal ein Mädchen kennen, das hatte jede Menge Selbstdisziplin. So viel, dass sie nichts essen musste um zu funktionieren. Sie aß so lange nichts, bis sie in die Psychiatrie kam. Sie selbst fand sich noch immer zu dick. Aber die Eltern sagten, sie solle sich anstrengen. Sie aß also – bis sie genug Gewicht hatte um entlassen zu werden. Gegen den Rat der Ärzt*innen nahmen die Eltern das Mädchen, das jetzt ja wieder „dick“ war, mit nach Hause. Dieses Mädchen lebt nicht mehr. Sie wurde zu dünn für’s Leben.

11 - DeineSchuld

„Es ist deine Schuld, dass ich xyz fühle!“
„Es ist deine Schuld, dass wir nicht xyz machen können!“
„Wenn du dich nicht anziehen willst, bist du ja selbst schuld, dass wir nicht raus gehen können.“

Schuld ist, so für sich genommen, ein unheimlich großes, schweres Konzept. Wirklich, keine*r ist gern Schuld an irgend etwas (Schlimmen). Kindern die Schuld in die Schuhe zu schieben, insbesondere kleinen Kindern die meist noch gar keine Verantwortung tragen können, die Handlungsfolgen nicht abschätzen können, die nicht einmal wissen, was Schuld ist, ist vor allem eines: die Schuld von Erwachsenen. Kinder sind nicht schuldig. Nicht ohne Grund können Kinder nicht bzw. im höherem Alter nur beschränkt haftbar oder gar straffähig sein.

12 - Undankbar

„Du bist so undankbar!“

Kinder haben sich nicht dazu entschieden uns als Eltern zu haben. Wir haben uns aber sehr wohl dazu entschieden sie als Kinder zu bekommen. Dass Kinder ihren Eltern für irgendetwas dankbar sein müssten, für ihr Leben, die neuen Turnschuhe, sonstwas ist eine seltsame Vorstellung. Trotzdem kriegen nicht wenige Kinder genau das zu hören. Was für eine Verantwortung wird ihnen damit aufgebürdet?


Wenn ihr euch in dem ein oder anderen Wort wieder erkannt habt, dann versucht doch das nächste Mal lieber das Wort auszumalen, statt es zu brüllen – vielleicht ja gemeinsam mit eurem Kind? Dabei könnt ihr wunderbar darüber reden, wie sich verbale Gewalt anfühlt, dass auch verbale Gewalt Gewalt ist und dass Kinder sich gegen derartige Gewalt auch wehren dürfen – oder ihre Eltern darauf hinweisen. Mein zuckersüßes Kleinkind fragt jetzt „Bist du eine Grummelmama?“ (besser gesagt „Biddu Gummelmama?“) und ganz ehrlich: Mehr Deeskalation brauche ich meist gar nicht. Und ich bin oft erschreckt darüber wieviel kompetenter das Kind mit meiner Wut umgeht als ich mit seiner.

Brüllmonster_Malbuch

Ihr dürft das Malbuch gern weiterverbreiten, bitte lasst aber die Hinweise auf die Urheberschaft drin. Ganz besonders freue ich mich natürlich, wenn ihr auf diesen Artikel und/oder auf die Facebookseite meiner Schwester verweist.


 

Ganz ursprünglich geht die Idee für diesen Blogpost übrigens auf @2kindchaos‘ Kind zurück:

(In den Antworten auf den Tweet könnt ihr dann auch sehen, warum meine Schwester gezeichnet hat und nicht ich ;) ).


Ihr seid nicht allein! Beim Runzelfüßchen gibt es eine Blogparade über das Anbrüllen, Rummotzen und laut werden.

Elternblogger berichten über Verzicht auf Anschreien:

Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

9 Kommentare zu „Brüllmonster – Gebrüllte Worte und ihre Wirkung auf Kinder“

  1. Erziehen statt ausrasten… ja, das ist ein guter Gedanke. Oft bin ich einfach nur müde, erledigt, genervt – aber vom Erwachsenenkram. Wenn zuviele Termine sind, wenn ich meine Tage habe, wenn ich Streß bei der Arbeit hatte. Die Kinder sind zumeist komplett unschuldig an Situationen in denen ich laut werde. Und das wurde ich früher, als sie noch kleiner waren leider öfters mal. Ich musste erst lernen, dass es mich viel weiter bringt, wenn ich ruhig bleibe und mit Verständnis für das Kind reagiere. Wenn ich meine Wut einfach mal woanders ablasse und nicht los brülle.

    Ich bin gespannt, was die Pubertät noch für Challenges für mich bereit hält.. wir kriegen grad den ersten Vorgeschmack.
    Liebe Grüße
    Carola

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  2. Es geht um MACHT.

    Stell dir alle Situationen in denen du gegen deine Kinder brülltest als Arbeitnehmerin in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis vor………..
    Niemals würdest du die Erwachsenen in deiner Umgebung so respektlos behandeln.
    Deinen Kindern gegenüber machst du das nur, weil du die MACHT hast. Du musst nicht respektvoll sein.
    Ein altes eingeübtes Ritual, welches deine Kinder mit ihren Kindern weiterleben werden, wenn du es nicht durchbrichst.
    Der Machtmissbrauch von Eltern, und allen anderen Erwachsenen, gegenüber Kindern ist die Mutter aller struktureller Diskriminierung. So lernen Kinder auf vermeintlich schwächere einzudreschen.
    So beliebig wie der Grund „Alter“ für Erwachsene Kindern gegenüber ist, ist uns Erwachsenen der Grund „Geschlecht“, „Hautfarbe“, „Religion“ etc. anderen Erwachsenen gegenüber.
    Lass es einfach.
    Es ist möglicherweise nicht einfach, aber es geht.

    Liebe Grüße
    Peter

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    1. Ja! Und genau deswegen finde ich es schlimm, dass Minderjährige in allen möglichen Gesetzen immer und nur und zuallererst als Zu-Erziehende gesehen werden.

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  3. Dank dir herzlich fürs verlinken.

    Erziehen statt Ausrasten ist eine Challenge um sich den lauten und unfairen Ton gegenüber den Kindern abzugewöhnen.

    Sei gespannt was ich nach Ostern berichten kann – vielleicht sogar im Flüsterton 😉

    Lg Anja von der Kellerbande

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  4. … ich möchte wetten, das war inhaltlich nicht alles, was Du an Antworten bekommen hast.
    Was ich mich schon wieder beim Lesen Deiner Texte frage:
    Wir sind in der Realität zur Zeit damit konfrontiert, dass unser Kind, das zuhause relativ gewaltfrei aufgewachsen ist und das wir als zuverlässig und Argumenten gut zugänglich erleben, nun in Fremdbetreuung ist und wir das Feedback bekommen, dass sein Verhalten in diesem autoritären Kontext grenzwertig auffällig sei :/ Mich würde dazu die Erfahrung anderer Eltern und ihr Umgang damit interessieren.

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    1. Ich habe tatsächlich einiges mehr bekommen. Auch deutlich brutaleres. Wir mussten eine Auswahl treffen.
      Bezüglich Fremdbetreuung kann ich mich noch nicht äußern, das steht uns erst noch bevor. Aber bei mama-juja.de findest du Berichte über die Eingewöhnung ihrer Kinder & bei 2Kindchaos.com einiges zum Thema kindergartenfrei.

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