Vom Zocken zum Zusammensein

Der Sartograph und ich haben uns über ein MMORPG (Online Spiel das ganz viele Spieler gemeinsam spielen) kennen gelernt. Genau genommen über das, für welches ich gearbeitet habe (aber auch privat begeistert gespielt, so kam ich überhaupt erst an den Job). Er schrieb im Forum etwas, das ich zwar unglaublich witzig fand, was ich aber als CM (Community Manager, betreut u.a. die sozialen Medien für ein Produkt/eine Marke/ein Unternehmen) nicht so unmittelbar kommentieren wollte. Also schrieb ich ihm eine private Nachricht.

Aus einer wurden zwei, drei,… und irgendwann wechselten wir auf Skype dann trafen wir uns in dem Bäcker neben dem Büro, wir freundeten uns immer enger an und irgendwann, genau genommen am 1. Advent vor 6 Jahren beschlossen wir, dass wir jetzt wohl zusammen sind.

kennenlernen

Eines unserer ersten gemeinsamen Bilder, 2010

Ich wechselte den Server. Dafür ließ ich schweren Herzens meine wundervolle Rollenspielgilde (Zusammenschluss von Spielern, der sich auf einen sehr fantasievoll-kommunikativen Spielstil geeinigt hat) zurück, die ich mit meinem Exfreund gegründet hatte. Stattdessen kam ich in eine Gilde, die mit Rollenspiel so gar nichts zu tun hatte, sondern eine Endcontent Raidgilde war (Zusammenschluss von Spielern die das kompetetive Spiel auf den höchsten verfügbaren Schwierigkeitsgraden anstreben).

Lieblingsoutfit

Mein Charakter mit einem meiner Lieblingsoutfits – über die Outfits meiner Chars habe ich mir immer mehr Gedanken gemacht als über mein eigenes.

Was anfangs eine gewaltige Umstellung war, sollte schnell zu einer der schönsten Zeiten meines Gaming-Lebens werden. Die Gilde hatte einen wunderbaren Zusammenhalt und ich habe sehr viele nette Abende mit sehr netten Menschen verbracht. Wir haben gemeinsam gequatscht, getrunken, gegessen und eben gezockt. Nein, wir haben uns nicht „im realen Leben“ getroffen. Wir haben im TeamSpeak (Voice Client zur Kommunikation mit mehreren Personen) gequatscht während wir gezockt haben. Aber da kriegt man einiges mit. Und man geht viel vorurteilsfreier an die Leute heran, wenn man sie nur hört und nicht weiß wie sie aussehen. Nur mein Beruf erschwerte das Ganze manchmal, denn natürlich wusste ich Dinge die der Geheimhaltungspflicht unterlagen/unterliegen und die konnte ich auch an meine Gilde nicht weiter geben.

Charaktere

Links: mein Charakter, rechts: der Charakter von Schnurpsel Patentante

Auch meine beste Freundin hier in Berlin habe ich über eben diese Gilde kennen gelernt. Sie ist die „Tante P“ in meinen Texten und die Patentante vom Schnurpselchen. Sie ist in sovielen Punkten so anders als ich, dass ich sie vermutlich „im realen Leben“ nie kennen gelernt hätte. Sie ist aber auch eine meiner wichtigsten Bezugspersonen der ich sehr vertraue. Und ihr Satz „Ich würfel doch nicht um meine Zukunft“ den sie sagte als es um ihre Aufnahme in die Gilde ging ist legendär (wir brauchten nur einen Magier, hatten zwei Kandidaten, nahmen beide, sagten ihnen aber Anfangs „Ihr seid beide gut, wir  brauchen aber nur einen, würfelt mal, wer höher würfelt kommt in die Gilde.“). Und auch wenn ich seit über drei Jahren nicht mehr aktiv spiele, halte ich zu einigen Leuten, die ich über das Spiel kennen lernte immer noch Kontakt, mal mehr, mal weniger, mal nur über Facebook, mal auch mit Treffen und/oder Telefonaten.

Wir haben mitbekommen, wenn jemand Streit mit seiner*seinem Partner*in hatte. Wir haben Kinder weinen hören, woraufhin Mikrofone abgelegt wurden und man hörte wie das weinende Kind getröstet wurde. Wir haben mitgekriegt, wenn jemand gestresst vom Job war (ja! richige Jobs! im „realen Leben“!), Liebeskummer hatte,… Ja, einige der Leute habe ich aus den Augen verloren. Das ist aber normal, das passiert außerhalb von Spielen auch. Der einzige Unterschied ist, dass ich sie auf der Straße nicht erkennen würde, wenn sie nicht gerade mit mir sprechen. Aber das ist okay.

Vielleicht habt ihr es schon gemerkt, ich setze das „reale Leben“ gern in Anführungszeichen, denn auch Zocken gehört zum realen Leben dazu. Ja, ich laufe nicht tatsächlich irgendwo durch die Gegend und erschlage monströse Ameisen oder ähnliches. Ich kann auch nicht zaubern. Das ist mir völlig klar. Aber ein Spiel zu spielen ist nicht weiter von der Realität entfernt als ein Buch zu lesen. Es ist aber ungleich sozialer, denn gerade MMOs basieren ja darauf, dass man gemeinsam spielt. Mit- und gegeneinander.

lalelu

Gilden-Miteinander

Und manchmal trifft man darin Menschen, die einen durch das Leben begleiten. Menschen mit denen man zum Beispiel Kinder in die Welt setzt. Menschen denen man blind das eigene Leben anvertrauen würde. Multiplayer Spiele sind ebenso ein Ort zum Kennen Lernen wie die Straße. Sie sind keine seltsamen fremden Welten oder parallele Realitäten und man muss sich (oder seine Kinder) nicht davon fern halten.

Zur Zeit spielen wir kaum noch, vermissen es aber beide sehr. Nicht unbedingt das Zocken an sich, aber das Zocken mit einem tollen Team. Aber irgendwann werden die Kinder größer sein und dann können wir gemeinsam mit ihnen virtuelle Welten unsicher machen.

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

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