Mama ist bi

Es ist #BiWeek!

Wer meinen anderen Blog oder mich kennt, der weiß es vermutlich: ich bin bisexuell. Ja! Trotz Mann, Haus, zwei Kindern, und einer relativ klassischen Rollenaufteilung.

Eigentlich bin ich eher pansexuell , weil es mich ehrlich gesagt für das Angezogen-Fühlen in etwa genau so sehr interessiert was ein Mensch den ich begehrenswert finde zwischen den Beinen, in den Chromosomen und in seiner Identitätswahrnehmung für ein Geschlecht hat, wie es mich interessiert was der Aszendet von Krebs ist (macht das astrologisch überhaupt Sinn? Egal). Aber da ich bisher vorwiegend mit cis-Menschen das Bett geteilt habe (als cis bezeichnet man jemanden dessen bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht mit seiner Geschlechtsidentität übereinstimmt) und sich das, wenn alles gut geht auch nicht ändern wird, sage ich der Einfachheit halber oft, dass ich bisexuell bin. Das reicht nämlich schon so für halbtägige Vorträge. Aber eigentlich bin ich geschlecht-und-genital-sind-mir-anziehungstechnisch-egal-sexuell.

Ich bin aber nicht polyamurös veranlagt (ich kann ich nur eine Person zur Zeit romantisch lieben). Und deshalb bin ich mit dem wundervollsten Menschen der Welt verheiratet. Der ist zufällig ein cis Mann. Mit diesem Menschen will ich zusammen bleiben. Wenn möglich, für den Rest unseres Lebens. Das haben wir uns vor Gott versprochen.

Jaha und hier fängt das Problem an. Menschen nehmen grundsätzlich erst einmal an, dass ich, weil ich weiß bin, als cis weiblich gelesen werde, bildungsbürgerlichen Hintergrund habe, evangelisch und mit einem cis Mann verheiratet bin, auch hetereosexuell bin. Die Zeit, dass ich meine Sexualität Fahne schwenkend vor mir hergetragen haben, ist überwiegend vorbei (und damals habe ich mich als lesbisch definiert). Meine letzte Beziehung zu einer Frau ist Jahre her (und ich bin froh, wenn ich gelegentlich von ihr höre, dass sie glücklich ist). Wenn ich diese Beziehungen aus meiner Vergangenheit erwähne, dann werde ich gefragt:

  • Ach, hattest du so ne Phase?
    • Nein! Ich finde Brüste immer noch unglaublich schön. Aber am schönsten finde ich meinen mir angetrauten Menschen, sogar ohne Brüste.
    • Ich finde Frauen schön, egal ob trans oder cis. Ich finde Enbies schön.
  • Oh, deinen Mann freut es bestimmt, dass ihr Dreier haben könnt!
    • Nein! Ja, wir können Dreier haben, das geht aber auch ohne, dass einer der Partner bi ist. Davon abgesehen finde ich es seltsam, wenn mehr oder weniger fremde Menschen sich auf einmal einen Kopf darum machen wie mein Mann und ich Sex haben. Und dier Feminist*in in mir kotzt darüber, dass es den Mann freuen darf, dass er zwei Frauen (nein, andere Geschlechtsidentitäten werden von solchen Menschen grundsätzlich nicht in Betracht gezogen, darum erwähne ich sie nicht) vögeln kann. Darüber was ich mit meinem Mann sexuell so treibe bzw. er mit mir, rede ich vielleicht mit meinen besten Freund*innen aber sicher nicht mit Person X. Auch wenn es Menschen gibt die ihre Lieblingsstellungen gern in der S-Bahn mit dem Sitznachbarn bequatschen – ich gehöre nicht dazu.
  • Wie Ex-Freundin? Du meinst, ihr seid nicht mehr befreundet?
    • Nein! Ich meine, ich teile nicht mehr Bett und Leben mit ihr.

Die Eheschließung ist keine Ab- und/oder Aufgabe meiner Sexualität. Sie ist mein Versprechen an den von mir geliebten Menschen, dass ich gern mit diesem Menschen so lange wie möglich, vorzugsweise bis ans Ende unserer Tage, zusammen sein möchte. Die Eheschließung ist aber keine Heterosexualisierung. Ich bin immer noch geschlecht-und-genital-sind-mir-anziehungstechnisch-egal-sexuell.

Auch meine Kinder und das Gebären meiner Kinder haben mich nicht zur Hete gemacht.

Ich weiß nicht ob das damit zu tun hat, dass ich mit „Geschlecht“ an und für sich ein Problem habe, oder ob ich mich mit „Geschlecht“ als sozialem Konstrukt auch deshalb auseinander setze, weil ich bin, wie ich bin. Das ist so ’n bisschen eine Ei-Huhn-Frage.

Interessanterweise, das hatte ich in dem eingangs verlinkten Artikel auch mal erwähnt, sind es häufig homosexuelle Menschen, die Bisexualität kritisch beäugen. Auch ein schwuler Freund (und der einzige Mensch auf der Welt der mich Lippenleserin nennen darf) von mir glaubt nicht an bisexuelle Männer, sondern hält das eher für eine „Einstiegsdroge“. Und als bisexuelle als Frau gelesene Person kriegt eins wahlweise zu hören, nur Männer scharf machen zu wollen oder von Lesben, als Partner*in nicht in Frage zu kommt, weil eins ja am Ende eh mit ’nem Kerl abhaut.

Ja fuck you Wahrscheinlichkeitsrechnung! Es ist tatsächlich so, dass viele Menschen die bi(+) sind in der nach außen 100% hetero wirkenden Beziehung „enden“. Das ist auch eine Frage in welchen Kreisen man sich bewegt. Wer ein vorwiegend queeres Umfeld hat, für di*en mag sich das relativieren. Aber für die meisten bisexuellen Menschen gibt es einfach mehr Partner*innen des „entgegengesetzten“ Geschlechts. Wenn ich der Einfachheit halber von 2 Geschlechtern ausgehe und von je 10 potentiell für mich interessanten Partner*innen, also 10 Frauen die ich interessant finde und 10 Männer, dann kann ich davon ausgehen das von den Männern 1 schwul ist, bleiben noch 9 Männer, bei den Frauen aber 1 Lesbe und 1 Bi-Frau macht 2 Frauen vs. 9 Männer (die Zahlen sind aus der Luft gegriffen und spiegeln nicht die tatsächliche Wahrscheinlichkeit wieder, auf nicht-hetero-Menschen zu treffen).

Die Wahrscheinlichkeit mit einem Mann aus dem Ganzen raus zu gehen ist einfach viel höher. Über mein Leben betrachtet hatte ich bedeutend mehr Beziehungen mit Frauen als mit Männern und auch deutlich mehr sexuelle Kontakte mit Frauen als mit Männern. Das liegt zum einen daran, dass ich mir als Jugendliche sehr sicher war, homosexuell zu sein, was wiederum damit zusammen hängt, dass ich als weiblich gelesene Körper als ästhetischer empfinde (auch immer noch), zum anderen auch daran, dass ich mich früher eher in besagten „queeren“ Kreisen bewegt habe. Männer habe ich lange Zeit nicht wirklich als „Beziehungsmaterial“ in Betracht gezogen.

Und eines Tages (besser gesagt jeden Tag) werde ich meinen Kindern beibringen, dass mensch jeden Menschen lieben kann den mensch will. Ich werde sie damit nicht zur „Bisexualität“ erziehen. Wobei sie hoffentlich ohnehin von mir mitnehmen werden dieses lästige soziale Konstrukt zweier konkurrierender Geschlechter zu hinterfragen. Ich möchte, dass meine Kinder jeder einvernehmlichen Liebe zwischen entscheidungsfähigen Menschen (egal wie viele oder welchen Geschlechts) mit Achtung und Respekt begegnen und die Liebenden in ihren Rechten stärken. Egal ob die sich nur körperlich oder nur romantisch lieben wollen oder beides, egal ob sie dabei zu zweit, dritt oder zu zehnt sind. Wenn sie sich aufrichtig lieben und einander gut tun, dann sollen meine Kinder das nicht verdammen nur weil irgendwelche Konventionen nicht erfüllt werden. Und wenn jemand niemanden lieben will oder kann, weder körperlich noch romantisch (Ja! Es gibt auch asexuelle und aromantische Menschen), dann sollen sie den/diejenige bitteschön nicht damit nerven, si*er müsse nur auf den/die Richtige*n warten oder unbedingt mal Stellung XYZ probieren, da macht Sex wirklich jedem Spaß!

Ich möchte abschließen mit einer Weisheit die ich auf meinem Englisch-Hefter aus der Zehnten gefunden habe:

If you were fucking instead of fighting the world would be a better place.

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

5 Kommentare zu „Mama ist bi“

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