Mein Erziehungsstil: Faulheit!

Faultierit den Mamas aus meinem Rückbildunsgkurs (der inzwischen leider vorbei ist) verstehe ich mich prima. Und wenn man sich über Erziehung austauscht, habe ich mich in letzter Zeit häufig sagen hören „Ich bin einfach faul“. Am ehesten lässt sich unser Erziehungsstil wohl dem Attachement Parenting zuordnen, auch wenn ich offen gesagt zu faul bin, meinen Erziehungsstil nach irgendwelchen irgendwo gelisteten Kriterien auszurichten. Sagen wir also lieber: Logik, Bauchgefühl und Faulheit dominieren unsere Erziehungsentscheidungen.

Ich bin zu faul, nachts aufzustehen

Deshalb schlafen wir im Familienbett, 2,50m*2,00m bieten uns 4en reichlich Platz. Schnurpsel schläft zwar durch, aber a) gibt es Ausnahmen und b) kuschel ich morgens sehr gern und wäre echt zu faul dazu das Kind extra aus einem anderen Raum zu holen. Krümel schläft natürlich noch nicht durch, denn nachts stillen wir 2-3mal und halten wenn notwendig kurz ab (das macht der Sartograph). Da ich in der Regel nachts aber sowieso auf die Toilette gehe (Skandal! 30 Jahre alt und schläft immer noch nicht durch!) stört mich das „nicht durchschlafen“ nicht wirklich. Was mich mehr stört ist, dass ich beim Krümel stillend nicht wirklich schlafen kann (bei Schnurpsel ging das), die Gründe dafür liegen aber in meinem Kopf und ich kann sie so einfach nicht abstellen. Aber das ist eine andere Geschichte (und soll ein anderes Mal erzählt werden…).

Ich bin zu faul, Fläschchen anzurühren und mitzuschleppen

Deshalb stille ich. Meine Brüste habe ich sowieso immer dabei, die Milch die da raus kommt ist immer genau richtig temperiert, nahrhaft und auf das Kind, Tages- und Jahreszeit angepasst (Brüste sind totale Wundertüten, da kann alles drin sein). Wenn ich Mütter sehe die Fläschchen anrühren, Testberichte vergleichen, mehr Utensilien bei sich tragen als ich im Küchenschrank habe,… habe ich Hochachtung vor der Ausdauer und hoffe, dass ich weiterhin bei meinen Brüsten bleiben kann. Die paar Male die ich abgepumpt habe (für Klausuren) waren mir stressig genug.

Ich bin zu faul um Breichen zu kochen

Deshalb haben wir mit Schnurpsel baby led weaning gemacht und werden das auch mit Krümel so halten. Mein Lieblingsartikel zum Thema Beikost stammt von Anja von „Von guten Eltern“ und ich verlinke ihn immer wieder gern, wenn es um Beikosteinführung geht. Für mich ist es vollkommen logisch, dass ein Kind das beste Verhältnis zum Essen entwickelt, wenn es Essen ungestört erfahren kann. Dazu gehört in meinen Augen auch, es nicht bis zur Unkenntlichkeit zu pürieren. Da ich selbst nicht das gesündeste Verhältnis zu Ernährung habe, versuche ich meine Kinder möglichst wenig zu versauen. Schnurpsel darf essen was und wann es will, auch wenn ich das manchmal eklig finde (Teewurst mit dem Löffel z.B.), die bisherige Beobachtung zeigt: Es wird ausreichend gegessen, überwiegend gesund und Mono-Ernährungen sind nach spätestens einer Woche vorbei. Und das Kind zieht ernsthaft frisches Obst dem Kuchen vor! Ich habe es sogar schon mit Obstkuchen probiert – sucht sich das Schnurpsel doch glatt das Obst raus und ignoriert den Kuchen (man sollte dazu wissen, dass ich sehr gern backe).

Essen als Anreiz oder Belohnung, Essensentzug als Strafe oder Süßes als „Besonderheit“ gibt es bei uns nicht. Was es durchaus gibt ist die Ansage (altersgerecht) zu warten. Wenn das Schnurpsel also gerade einen Müsliriegel möchte, ich aber gerade Mittagessen zubereite, dann heißt es oft: Warten. Wenn das Essen auf dem Tisch steht und der Müsliriegel trotzdem bevorzugt wird, gibt es halt den. Meistens hat das Gründe. In Schnurpsels Fall oft Müdigkeit kombiniert mit Hunger. Müsliriegel sind nämlich schneller gegessen und machen effektiv satt, danach kann man sich hinlegen.

Wer jetzt denkt, dass Herr Hipp und Konsorten ja eigentlich meiner Faulheit total entgegen kommen müssten: Nee! a) muss ich dann trotzdem für mich noch Essen machen, b) mag ich das Zeug nicht aufessen, wenn das Kind es nicht isst (weil es einfach schlecht schmeckt) c) hat man dann Altglas und Müll, d) muss das ja auch warm gemacht werden und e) müsste man das ja auch noch einkaufen, zusätzlich. Was ich mag sind Trockenobst und Müsliriegel (aber nicht die ekligen mit drei Sorten Zucker zusammen geklebten). Ess ich selbst gern und stillt nicht zu großen Hunger schnell und bequem auch unterwegs.

Umständliche Pläne was wann wie und warum in welchen Mengen dem Kind an Beikost zugeführt werden soll, erscheinen mir unlogisch. Pastinake habe ich noch nie gegessen (soweit ich weiß) und Möhren finde ich in gekochtem Zustand echt unlecker. In anderen Ländern kriegen die Kinder zuerst Gemüsesuppe. Oder was auch immer. Kinder mit älteren Geschwistern bekommen ihr erstes Essen möglicherweise nicht nach Beikostplan sondern nach dem womit das ältere Geschwister gerade spielt!

Was uns wichtig war: kein Rohrzucker im ersten Lebensjahr, so lange wie möglich keine Schokolade, keine Geschmacksverstärker. Dabei haben wir uns darauf verlassen: Wo kein Angebot, da auch keine Nachfrage. Inzwischen gibt es Schokolade, denn ich esse sie gern. Das Schnurpsel mag ab und an Schokolade, aber nicht annähernd so gern wie ich. Für mich ist das nämlich Seelentröster und Stressfutter (und das finde ich nicht so prickelnd). Und wenn man mal anfängt darauf zu achten wo überall Zucker zugesetzt ist, kräuseln sich einem die Fußnägel. Fragt mal an der Fleischtheke nach Wurst ohne Zuckerzusatz.

Ich bin zu faul um einen monströsen Kinderwagen vor mir herzuschieben

Deshalb trage ich. Selbst die Leichtgewichte unter den Kinderwagen wiegen 10kg. Bei einem kaputten Fahrstuhl ist man gef… arm dran. Da wir kein Auto haben bin ich viel mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Da muss man so ein Monstrum erstmal reinkriegen, Rollstuhlfahrer*innen und andere Kinderwagen wollen ja auch Platz haben (ganz zu schweigen von Personen die ihre Hunde in Bussen in einem Hundewagen transportieren müssen und zwar grundsätzlich zu Stoßzeiten und nur auf viel befahrenen Linien). Nicht barrierefreie Bahnhöfe sind dann nur noch das Sahnehäubchen (und mir tun die Rollstuhlfahrer*innen immer leid, wenn ich sehe, dass mal wieder alle Aufzüge kaputt sind. Sowas ist doch scheiße). Sind die Bahnhöfe barrierefrei UND alle Aufzüge funktionsfähig, dann werden die garantiert als Toiletten missbraucht (was für Ar… Popolöcher pinkeln eigentlich in Aufzüge?).

Das Krümelchen wird immer getragen, das Schnurpsel meistens. Wir haben uns gerade entschieden unseren Kinderwagen zu verkaufen und durch einen Sportwagen zu ersetzen. Benutzt wird der vorwiegend für Einkäufe oder Einschlafspaziergänge.

Ich bin zu faul um die Kinder stundenlang auf dem Arm zu tragen

Deshalb haben wir Tragetücher und Tragehilfen die wir täglich benutzen. Derzeit befinden sich in unserem Besitz

  • Eine Fräulein Hübsch Babysize MeiTai
  • Eine Kokadi Toddlersize TaiTai
  • Einen Fidella Onbuhimo (mit Wolle)
  • Ein Hoppediz RingSling
  • Ein Yaro Tuch in Gr. 5 (mit Leinen)
  • Ein Oscha Tuch in Gr. 6 (mit Wolle)
  • Ein Hoppediz Tuch in Gr. 7
  • und eine handgenähte MeiTai die bei den Großeltern bereit liegt

Der Sartograph ist zu faul, Bindetechniken zu lernen, deshalb bevorzugt er die Tragen, ich bevorzuge seit dem Krümel Tücher, die finde ich kuschliger, besser auf die Situation anpassbar und außerdem bedeutend hübscher. Wobei ich beim Tandemtragen das Schnurpsel meist im Onbu habe. Bei Schnurpsel hatten wir ein Storchenwiege-Tuch und das fand ich potthäßlich und zu steif, darum habe ich es im Grunde nie benutzt. Aber Geschmäcker sind ja zum Glück verschieden und so hat das Tuch, ebenso wie die Manduca die wir damals irrigerweise gekauft hatten, neue Besitzer*innen gefunden.

Ich bin zu faul, andauernd Windeln zu kaufen

Deshalb wickeln wir mit Stoff. Außer im Urlaub. Wir reisen meist mit der Bahn und sind (oh Wunder!) zu faul, eine Extratasche für Stoffwindeln mitzunehmen. Da wickeln wir am liebsten mit den Wegwerfwindeln von NatyBaby, die stinken nicht so chemisch wie Pampers und sind angeblich besser abbaubar. Oder mit der dm-Eigenmarke.

Ich bin zu faul, andauernd Windeln auszuwaschen

Deshalb halten wir unsere Kinder ab, wenn sie mal müssen. Das klappt mal mehr und mal weniger gut, aber für vollkommen enthusiastische Vollzeit-windelfrei Aktionen mit Splitpants & Co bin ich – ihr erratet es sicher: zu faul. Wer mehr über „abhalten/windelfrei/Elemination Communication“ wissen möchte, dem lege ich ans Herz sich dazu zu belesen. Andere Leute haben das nämlich schon oft und toll erklärt. Es gibt Tage komplett ohne nasse Windel und Tage da ist jede Windel durchnässt. Beides ist okay auch wenn ich es natürlich praktischer finde wenn mehr ins Töpfchen/Klo/… geht.

Ich bin zu faul für Machtkämpfe mit den Kindern

Deshalb lassen wir das und gucken was wir (die Kinder, wir Eltern, wir als Familie, wir Einzelpersonen) in der konkreten Situation brauchen, wie sich das umsetzen lässt und was wer dafür tun muss. Es gibt nur sehr wenige starre und unveränderliche Regeln. Eine davon ist: an der Straße an die Hand, sonst bleiben wir entweder stehen (wenn wir Zeit haben) oder das Kind wird getragen (wenn wir weiter müssen). Das wird sich aber natürlich mit voran schreitendem Alter des Kindes verändern (man stelle sich das 18jährige Schnurpsel vor, wie es selbst in der Spielstraße an unserer Hand läuft ;) ). Manchmal scheitere ich da allerdings an mir selbst, wenn ich mir denke wie etwas funktionieren müsste und dann feststelle, dass Schnurpsel für etwas noch zu jung ist.

Beispiel: Das Schnurpsel will keine Schuhe anziehen. Wenn es eh erstmal mit Trage/Wagen losgeht, kein Thema, kommen die Schuhe ins Gepäck. Wenn „laufen“ auf dem Programm steht, dann ist das wetterabhängig. Ist es warm genug, können die Socken aus und Schuhe und Socken kommen ins Gepäck. Wenn das nicht geht, stellt sich die Frage: Trage/Wagen möglich? Wenn nicht, müssen wir überhaupt los und bis wann? Wenn die Schuhe angezogen werden müssen, weil wir los müssen und zwar zu Fuß und Wetter auch doof ist, dann wird geguckt, ob wir das mit den Schuhen spielerisch geregelt kriegen. Und nur wenn alles nichts hilft, kommt das Schnurpsel mit der Ansage „Ich weiß, dass du das nicht möchtest, aber ich ziehe dir jetzt die Schuhe an, wir müssen [zum Arzt/aus dem brennenden Haus/whatsoever]“ auf den Schoß und bekommt die Schuhe angezogen. Ist aber selten nötig. Zum Thema „Kooperation von Kindern“ empfehle ich mal auf dem Blog „gewünschtestes Wunschkind“ vorbei zu schauen (überhaupt und sowieso ein toller Blog).

Effekt: Viele Dinge von denen ich bei anderen Eltern mitbekomme, dass das Kind sich „völlig unkooperativ“ verhalte, klappen hier inzwischen wunderbar. Zähneputzen & Nägel schneiden war lange ein Thema. Aber wir haben versucht möglichst nichts zu erzwingen. Und inzwischen jagt das Kind gern mit der Zahnbürste die Drachen von den Zähnen (das mit den Drachen liegt an dem Buch was wir zu dem Thema haben) und fordert sogar so oft das Schneiden der Fingernägel ein (ab! ab! ab!), dass ich manchmal welche stehen lasse, damit ich noch was zu schneiden finde. Schnurpsel weiß, dass ich meistens keinen Blödsinn fordere und ist daher meistens echt pflegeleicht – was meiner Faulheit sehr zupass kommt. Wutanfälle gibt es trotzdem, schließlich ist Schnurpsel 2 Jahre alt und mitten in der schönsten Autonomiephase.

Dürfen eure Kinder denn alles?

Nein. Unsere Kinder dürfen aber alles wollen. Ob und wie sich das umsetzen lässt, das gucken wir dann. Wir entscheiden gemeinsam und ja, auch das Schnurpsel darf mit seinen 2 Jahren seine Meinung einbringen und wenn möglich versuchen wir die zu respektieren (auch wenn das heißt, dass das niedliche geschlechtsneutrale Outfit im Kleiderschrank bleibt und mein Kind sich statt dessen in wildesten Kombinationen auf die Straße begibt). Aber Kinder haben noch nicht zu allem eine Meinung und das zu erwarten wäre auch sehr überfordernd für sie. Wir nehmen das Kind also (wortwörtlich und in übertragenem Sinn) an die Hand, wenn nötig und leiten es an, versuchen aber zeitgleich zu vermeiden die ersten Willensbekundungen im Keim zu ersticken.

Klappt das denn immer?

Nein! Es gibt Tage an denen will ich aber! Und ich habe keine Geduld (ich bin generell sehr ungeduldig und muss da echt viel lernen, vor allem seit Krümel auch da ist). Und dann fühle ich mich hinterher scheiße und habe ein mauliges unkooperatives Kind, dem es nicht gut geht und bin selber maulig und unkooperativ. Dann wird geknuddelt. Danach geht es dann meist wieder. Wenn das nicht hilft, hilft schlafen. Oder heulen.

Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts. (Fröbel)

Der vielzitierte Spruch trifft den Kern unserer Erziehungsentscheidungen sehr. Ob im fröbelschen Sinne oder nicht, kann ich gar nicht beurteilen, dazu habe ich mich zuwenig mit Pestalozzis/Fröbels Ansichten auseinander gesetzt. Aber wir versuchen alles, was wir von den Kindern erwarten auch selbst vorzuleben (deshalb würde ich z.B. auch nicht erwarten, dass eines der Kinder allein schläft – ich hasse es allein zu schlafen, da fühle ich mich immer unwohl) ohne dabei von uns auf sie zu schließen (würde ein Kind den Wunsch äußern allein zu schlafen, dürfte es das natürlich) und wir lieben unsere Kinder. Immer. Bedingungslos. Selbst beim schlimmsten Wutanfall.

Faulheit

Das zuckersüße Faultier, welches diesen Text ziert stammt übrigens aus der Hand meiner Schwester, aka Aeleron

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

3 Kommentare zu „Mein Erziehungsstil: Faulheit!“

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