Einmal ist keinmal – Gedanken zum zweiten Kind

Kathi von „Geliebtes Kind Motzibacke“ forderte dazu auf, die Gedanken zum zweiten Kind nieder zu schreiben, da sie selbst gerade zu der Entscheidung gelangte, eine Nr. 2 zu wollen.

Dass wir mehr als ein Kind wollten, stand für uns nie zur Debatte. Sogar als ich mit (gefühlt) zerfetzem Unterleib und K1 auf dem Arm das erste Mal wieder unser damaliges Zuhause betrat wusste ich sicher: nochmal!

Was mir ebenfalls völlig klar war: ich möchte insbesondere in den ersten drei Lebenjahren der Kinder für sie da sein. Also nicht arbeiten. Ich möchte aber auch nicht wieder und wieder aus dem Job raus. Damit war auch klar, dass wir die Kinder mit geringem Altersabstand bekommen wollten und ich nach einer langen Pause dann in den Beruf zurück kehre. Nebenbei studiere ich noch mein ursprünglich berufsbegleitendes Studium fertig.

Ich muss aber auch gestehen, dass ich immer wusste, dass ich mehr als ein Kind will. Und als ich den Sartographen vor nunmehr fast sechs Jahren kennen lernte, zögerte ich nicht lange ihm das mitzuteilen und seinen Kinderwunsch abzuklopfen. Für mich war eindeutig: Kinder (Plural) gehören zu meinem Leben dazu. Und ich hätte keine Zeit in eine Beziehung mit jemandem investieren wollen, dem das nicht genau so ging. Ich hätte keine „ich hoffe er*sie ändert ihre*seine Meinung“ Beziehung haben wollen, an deren Ende ich unglücklich festgestellt hätte, dass mein Kinderwunsch unerfüllt und ich wieder ~5 Jahre älter bin.

Nach der Fehlgeburt hatte ich kurze Bedenken, ob vielleicht nur ein Kind für mich vorgesehen ist. Aber ich denke solche Gedanken gehören zum Trauerprozess. Und als ich mit dem Krümel schwanger war, war ich glücklich – zumindest kurz und auch erst nach Startschwierigkeiten, denn die Schwangerschaft war nicht der gemütliche Spaziergang den ich bei Schnurpsel hatte.

Krümels Anwesenheit wurde eingeläutet durch Blutungen, die ich für verfrühte Regelblutungen hielt. Danach war mir schwindelig. Und zwar anhaltend und so sehr, dass ich zum Arzt wollte. Der hätte mich ohnehin nach einer eventuellen Schwangerschaft gefragt, also machte ich einen Test, ging aus dem Bad um mich um Schnurpsel zu kümmern und vergaß ihn erstmal. Als ich mich erinnerte, die Überraschung: positiv. Natürlich machte ich sofort noch einen. Ebenfalls positiv. Ich heulte, denn ich ging davon aus, dass ich wieder eine frühe Fehlgeburt gehabt hatte. Meine Frauenärztin war auf einer Fortbildung. Meine liebe Freundin N. sprach mir Mut zu. Ich suchte eine andere Frauenärztin die an dem Tag noch Zeit für mich hatte. „Fehlgeburt oder Eileiterschwangerschaft“ war ihre überaus sensibel (nicht!) überbrachte Botschaft noch vor dem Ultraschall. Dazu kam der Umzugsstress, denn 1,5 Wochen nach dem Test war der Umzugstermin. Krümelchen ließ sich davon nicht abschrecken und zeigte der Frauenärztin auf schönste Art den Mittelfinger: der HCG Wert stieg stark und kontinuierlich an. Zu stark für eine Eileiterschwangerschaft, auch wenn die FA im Ultraschall nichts sah. Als sie dann endlich, 2 Tage vor dem Umzug, eine Schwangerschaft bestätigte, griff ich zum Telefon und suchte mir eine Hebamme für eine Hausgeburt (aus der dann, wie hier nachzulesen ist, nichts wurde).

Der Anfang der Schwangerschaft war traumhaft, wir waren im Haus eingezogen, es war Herbst (meine Lieblingsjahreszeit!) und bis auf die Müdigkeit und das Erbrechen ging es mir prima. Die Hebamme war toll und ich hatte erst sehr spät einen FA-Termin (in Woche 12), bei dem wir dann das kleine Herz schlagen sehen konnten. Drei Tage später traf sich meine P&P Rollenspielgruppe bei uns. Als diese abends gegangen waren, verspürte ich plötzlichen Harndrang, eilte zum Klo und hatte unterwegs das Gefühl mir in die Hose gemacht zu haben. Auf der Toilette angekommen zog ich mir die Strumpfhose herunter, ließ mich erleichtert aufs Klo fallen und – schrie. Am Boden hatte sich eine rote Lache gebildet an der Hand mit der ich die Strumpfhose heruntergezogen hatte war Blut, die Klobrille und, wie ich mit Schrecken sah, die Kloschüssel waren voller Blut. Der Sartograph eilte herbei, versuchte auf mein Geheiß meine eben weggefahrene Freundin Tante P. zurück zu rufen und rief dann den Notarzt. Ich traute mich nicht aufzustehen, aus Angst davor mein winzig kleines Baby in der Schüssel zu sehen.

Die Sanitäter waren absolut toll, bugsierten mich erst aufs Bett und dann in den Krankenwagen und sprachen mir ruhig zu. Von der Fahrt ins Krankenhaus habe ich nicht so viel mitbekommen, erstens ist das Krankenhaus nah dran, zweitens war ich mit den Gedanken echt woanders. Ich bekam unterwegs Sauerstoff, aber ansonsten war ich erstaunlich stabil. Im Krankenhaus dauerte es leider sehr lange, bis eine Frauenärztin Zeit hatte – denn die war gerade im Kreißsaal bei einer Geburt. Es war aber eine sehr nette Schwester da, die sich lieb um mich kümmerte auch wenn sie für das Krümelchen nicht mehr Hoffnung hatte als ich. Doch als die Ärztin kam, überraschte das Krümelchen uns alle mit einem fröhlich und ruhig schlagenden Herzchen. Es schien von der ganzen Aufregung völlig unbeeindurckt.

Bis zur 26sten Woche hatte ich Bettruhe und immer mal wieder Blutungen – um das mit zu Hause betreutem Kleinkind auf die Reihe zu kriegen, bekam ich für 8h/Tag eine Haushaltshilfe (die ganz toll war). Danach waren die Hämatome weg (diese waren ursächlich für die Blutungen gewesen, ich hatte 2) und ich bewegete mich nach und nach wieder mehr. Ich dankte Gott jeden Tag für das kleine Wunder in mir und dem kleinen Wunder für das tapfere Fest- und Durchhalten.

Das Kleinkind. Mein erstes Kind. Mein wundervolles, tolles Kind, dass die Zeit die ich nur rumlag großartig gemeistert hat. Und das jetzt ein supermegaspitzenklasse großes Geschwister ist. Schnurpsel wusste früh, dass da ein Geschwisterchen kommt. Wir haben Bücher zu dem Thema gelesen und zu Weihnachten haben die Großeltern eine ganz tolle Puppe geschenkt, die rege bespielt wurde und wird. Der Bauch wurde gestreichelt und gegen Ende der Schwangerschaft auch immer geküsst.

Und jetzt ist das Baby da. Seit nunmehr 12 Wochen und einem Tag. Schnurpsel ist so liebevoll im Umgang mit dem Krümel, dass das schlechte Gewissen was ich gegenüber dem älteren Kind erwartet hatte, fast ganz ausblieb. Nur manchmal überschätze ich das Kleinkind. Wenn unser Baby weint, dann kommt Schnurpsel und gibt ein Küsschen. Oder streichelt. Oder „liest“ vor. Wenn unser Baby Milch spuckt, holt Schnurpsel ein Mulltuch und wischt den Mund sauber. Wenn unser Baby gewickelt wird, macht Schnurpsel die Knöpfe der Windel auf oder macht im Badezimmer den Waschlappen nass, wenn ich vergessen habe die Schüssel mit frischem Wasser zu füllen, oder sitzt einfach nur daneben und guckt. Wenn unser Baby schläft wird die Puppe gestillt, gewickelt und im „Tuch“ (aka ein alter Schal von mir) getragen. Neid auf das Geschwisterchen ist nicht aufgekommen.

Was allerdings passiert ist, ist dass Schnurpsel jetzt wieder öfter stillen möchte. Was ich wiederum nicht so ganz toll finde. Denn auch wenn ich Schnurpsel gern stille, gibt es Tage an denen das sehr laut und vehement eingefordert wird, was an meinen Nerven und auch an meinen körperlichen Kräften zehrt. Vorher habe ich Schnurpsel noch dreimal täglich gestillt und ab und an nach Stürzen o.ä. Jetzt sind es mindestens dreimal, an den richtig anstrengenden Tagen auch achtmal. Und dabei rede ich nicht von den kurzen Trostschlucken sondern von mindestens 10minütigen Stillzeiten. Ein Kleinkind zu stillen ist etwas ganz anderes als ein Baby zu stillen und gerade hier merke ich, dass ich Schnurpsel oft überschätze. Wenn ich zum Beispiel Krümel gerne schlafend ablegen möchte, damit ich Schnurpsel volle Aufmerksamkeit beim Stillen schenken kann, das auch so kommuniziere und dann begeisterte „Nana Mich! Nana Mich!“ (Schnurpsel nennt sich selbst Nana) – Rufe unser Baby prompt aufwecken, woraufhin es ob der unschönen Störung zu weinen beginnt, woraufhin ich wiederum natürlich nicht mit voller Aufmerksamkeit das Schnurpsel stillen kann. Und ich dann genervt von der Situation bin und von dem Kleinkind, das einfach nicht leise sein kann. Wenn dann aber beide Kinder an der Brust liegen und Schnurpsel dabei nach Krümels Hand tastet, dann geht mir das Herz auf.

Zwei Kinder sind zweifelsohne anders anstrengend als nur eines. Mehr würde ich gar nicht unbedingt sagen. Aber es ist definitiv eine andere Anstrengung. Es ist laut – wenn Krümel sich mit irgendwas quält und Schnurpsel einen Wutanfall hat, also so zeitgleich, dann ist das eine Lautstärke und eine Situation für die man Nerven aus Stahl bräuchte (die ich meistens nicht habe). Ich bestehe zu großen Teilen aus Kaffee, Schnurpsel geht eher spät ins Bett, Krümel scheint ein Frühaufsteherchen zu werden und möchte nachts natürlich gestillt werden. Aber schlafen werde ich irgendwann wieder können. In einem Bett nur mit meinem Mann das sich dann vermutlich schrecklich leer anfühlen wird.

Für uns war auch der gewählte Altersabstand sehr gut (knapp zwei Jahre). Eigentlich wollten wir ja sogar einen kürzeren Abstand. Die nicht vorhandene Eifersucht von Schnurpsel bestärkt uns darin, dass der geringe Abstand eine gute Entscheidung war. Einiges wäre sicher leichter, wenn das große Kind älter wäre. Stillend auf dem Spielplatz beim Rutschen helfen ist nämlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber der Umgang von Schnurpsel mit Krümel ist schon jetzt so innig, dass ich sehr optimistisch in die Zukunft der Geschwisterbeziehung blicke. Und das Krümelchen lächelt sein schönstes Lächeln, wenn das Schnurpselchen in seiner Nähe ist. Und wenn ich morgens neben mir ein fröhliches „Hallo Baby!“ ertönen höre, woraufhin ein schlafzerstruwweltes Schnurpsel im Schlafsack angerobbt kommt um Baby und Mama einen Guten-Morgen-Kuss zu geben und sich dann auf meine Brust zu stürzen bin ich überglücklich mit meiner Entscheidung für Nr. 2.

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

4 Kommentare zu „Einmal ist keinmal – Gedanken zum zweiten Kind“

  1. Was für ein wunderbarer Einblick in Euer Familien-Dasein. Deine zweite Schwangerschaft war ja kein Zuckerschlecken und das alles mit Kleinkind, also da braucht man Nerven. Du kannst sehr stolz auf dich sein, wie du die Schwangerschaft und auch jetzt das Leben mit zwei Kindern meisterst, denn es ist nicht selbstverständlich. Du versuchst beiden Kindern gerecht zu werden und das ist einfach wundervoll. Dein Beitrag bestärkt mich und schenkt mir Mut und Hoffnung, dass ein Leben mit zwei Kindern möglich ist, ohne das eines von beiden zurückstecken muss. Die Frage ist ob meine Nerven so gut mitmachen wie deine. 😅
    Vielen Dank, dass du mit deinem tollen Blog und diesem Artikel an meiner Blogparade teilnimmst. Ich schaue jetzt bestimmt öfter vorbei.

    Liebe Grüße,
    Kathi, deren liebste Jahreszeit auch der Herbst ist. :)

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    1. Vielen lieben Dank auch hier, jetzt sind wir wieder zu Hause und ich kann endlich in Ruhe antworten. Ich bin schon gespannt zu lesen wie es bei Euch dann wird :) HIer ist es nicht immer leicht, manche Tage sind doof, aber im Großen und Ganzen (ich glaube das lässt sich rauslesen) macht es glücklich und ist schön.

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      1. Liebe Zesyra,
        das glaube ich Dir sofort. Wir dürfen uns selbst, bei aller Hingabe zu unseren Kindern nicht vergessen. Ich selbst komme immer wieder an einen Punkt, an dem ich merke, dass ich auch mal etwas für mich tun muss. So kann ich im Anschluss wieder voll für Schmatzipuffer da sein. Ich wünsche Euch alles erdenkliche Gute, ganz viel Kraft, Energie und positive Gedanken. Haltet das Glück fest.

        Liebe Grüße,
        Kathi

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