Rosamüdigkeit

„Ich hab die Schnauze voll von rosa!“ lautet der Titel eines wunderbaren Liedes von Suli Puschban

Es ist ein Lied, das mir öfter mal im Kopf rumgeistert. Wenn ich mal wieder nach dem Geschlecht meiner Kinder gefragt werde. Wenn ich ein Geschäft betrete in dem es Kinderspielzeug und/oder Kleidung gibt. Wenn mir gesagt wird, dass Jungs keine Kleider tragen die toll Schwingen beim Drehen, sei halt gesellschaftlich so tradiert. Und dass ich meinem Kind Schaden zufügen würde, wenn ich es nicht so anziehe wie sein Genitalbereich es vorgibt. Bei einem Mädchen ginge das ja noch. Aber bei einem Jungen?

Ich habe nichts gegen rosa, pink, orchidee,… ich habe nichts gegen Schleifen, Glitzer und Rüschen (es sei denn sie sind so angebracht, dass sie Körperstellen betonen sollen die als sexuell gelten – Kleinkindbikinis mit Rüschenpo und Rüschenbustier zB finde ich genau so unangebracht wie Pseudo-Dekoltees an Babykleidung [für „Mädchen“, versteht sich]), ich finde Einhörner ganz prima und Schmetterlinge und andere zarte zerbrechliche Tiere die gern auf „Mädchenkleidung“ gezeigt werden auch.

Aber ich gehe anderen Menschen gerne auf den Keks mit den Folgen von rosa-glitzer-beschleiften Mädchen* und nicht-rosa-glitzer-beschleiften Jungs*. Denn da habe ich was gegen. Jeder Mensch sollte ein Kleid tragen dürfen, dass sooooo toll schwingt, wenn man sich dreht. Und nein „Mein Junge dürfte wenn er wollte“ gilt nicht. Zumindest nicht wenn dem kleinen Mädchen* dieses Kleid angeboten wird und ihm gezeigt wird, wie wunderschön es darin ist und wie toll der Rock des Kleides beim Drehen schwingt. Das sollte ein Junge* genau so erleben dürfen und zwar nicht nur zu Hause wo es bloß keiner sieht. Auch Jungs* dürfen schön sein. Und Kleider tragen.

Kleider sind übrigens auch echt super beim Trocken werden/für Elimination Communication („windelfrei“). Kleid, Stulpen und Socken = warmer, bedeckter Popo aber keine störenden Teile wenn der Klo/Töpfchen/Gebüschgang noch sehr schnell gehen muss.

Es ist ungerecht, dass Frauen* weniger verdienen als Männer*. Es ist unschön, dass sie weniger oft in MINT Berufen arbeiten.  Es ist gemein, dass 9 von 10 Alleinerziehenden weiblich* sind.

Es ist auch ungerecht, dass Männer* als Erzieher immer noch schräg angeguckt werden. Es ist unschön, dass Männer* die als Friseure oder im Modebereich automatisch als „schwul“ katalogisiert werden und das oft auch noch abwertend gemeint ist. Es ist gemein, dass Jungen* für lange Haare gehänselt werden.

Das alles liegt nicht an rosa-glitzer Kleidung. Aber es liegt unter anderem daran, was rosa-glitzer Kleidung bedeutet. Und daran wer sie tragen darf.

Meine Kinder dürfen alles tragen was sie wollen. Und schön schwingende Dreh-Kleider sind für alle Kinder da. Das ist nämlich wirklich toll und macht Spaß, so ein Kleid. Und so lange die Kinder noch keine eigene Meinung zu Kleidung haben, ziehe ich ihnen an, was mir für sie gefällt. Egal ob das aus der „für Mädchen“ oder aus der „für Jungen“ Abteilung stammt.

Ich will aber auch keine angepassten Kinder die wie Wackel-Dackel kopfnickend in der Schule sitzen und am Ende nichts sind als beliebig austauschbare Hüllen für den Arbeitsmarkt**. Ich wünsche meinen Kindern, dass sie ihren Weg finden und auf dem glücklich sind und möchte ihnen dafür die gesamte Bandbreite an Möglichkeiten mitgeben. Die Wackel-Dackel sind sicher auch glücklich, manchmal. Aber sie wurden von Anfang an limitiert. Und das nicht auf Grundlage ihrer natürlichen Grenzen (zum Beispiel einfach nicht gut klettern zu können), sondern auf Grund ihres Genitals. Das ist etwas, das ich nicht guten Gewissens mitmachen kann. Und deshalb hinterfrage ich immer ob ich mit meinen Kindern auf eine bestimmte Art und Weise umgehe, weil ich es so kenne, dass mit Kindern dieses biologischen Geschlechts so umgegangen wird oder einfach weil es meinen Kindern und ihren Bedürfnissen entspricht.

_______

**ich glaube auch nicht, dass Eltern die ihre Kinder in die rosa-hellblau-Falle laufen lassen das wirklich wollen. Auch wenn „angepasst“ sicher recht bequem ist.

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

1 Kommentar zu „Rosamüdigkeit“

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