11Sätze mit denen du dich auf jeder Beerdigung unbeliebt machen kannst

Stellt euch vor, ihr seid auf einer Beerdigung. Eine Frau trägt den*die Partner*in zu Grabe mit der sie 1 Jahr verheiratet war und drei Jahre zusammen. Zuvor war sie mit einem*einer anderen verheiratet, man trennte sich in Freundschaft. Ihr hört wie folgende Worte an sie gerichtet werden:

1. Na, du kannst ja einfach nochmal heiraten.

2. Du warst doch schon mal verheiratet.

3. Es wird schon einen Sinn gehabt haben.

4. Naja, er*sie war ja schon sehr anders als die anderen.

5. Der Mann von Frau Müller ist nach 25 Jahren Ehe gestorben. Bei euch war es ja nur 1 Jahr. Wenn man so lange zusammen war trifft einen das ja noch härter.

6. Andere finden nie jemanden den sie heiraten können. Du hattest wenigstens jemanden.

7. Der*Die nächste lebt bestimmt länger.

8. Vielleicht lernst du ja heute hier jemanden kennen als Ersatz.

9. Vermutlich ist er*sie gestorben weil ihr so ungesund gegessen habt.

10. Auch die Ehepartner*innen anderer Frauen sterben. Jetzt hab dich nicht so.

11. Er war ja sicher sehr krank. Lieber so als ein Leben mit Krankheit.

Sowas würde bei einer Beerdigung niemand sagen? Mag stimmen. Aber nach Fehlgeburten dürfen sich Mütter* oft ähnliches anhören. Die Beispiele von oben klingen so, wenn man ein Kind verloren hat, das noch nicht geboren war:

1* Na, ihr könnt es ja nochmal versuchen.

Man kann das tote Kind nicht „einfach so“ ersetzen. Und für manche Paare* bedeutet „es versuchen“ nicht etwa ohne Verhütungsmittel Sex zu haben. Sondern Hormone schlucken, Spritzen kriegen und die unschlagbare Romantik, die gynäkologische Untersuchungen in steriler Umgebung mit sich bringen.

2* Du hast doch schon ein Kind. Andere haben gar keines.

Diese einfühlsame Bemerkung durfte ich mir selbst anhören als ich aus der Narkose nach der Ausschabung aufwachte.  Von der Arzthelferin. „Sie haben doch schon ein Kind, hier liegen andere die haben noch gar keins!“ nicht gesagt aber deutlich gehört hat man „Jetzt heulen Sie hier mal nicht rum.“

3* Vielleicht war es besser so, das hätte doch jetzt gar nicht so in euer Leben gepasst.

Ich bin ja immer besonders angetan wenn mir jemand erklärt was gerade zu meinem Leben passt und was nicht, welche meiner Lebensentscheidungen gut und welche nicht gut waren. Es ist aber ziemlich egal, ob das Baby gerade ins Leben gepasst hätte oder nicht (was Außenstehende weder beurteilen können noch sollten), man hat sich spätestens mit dem positiven Test in den Händen nämlich ganz sicher damit beschäftigt wie Leben und neues, heranwachsendes Leben sich zusammenfinden werden.

4* Das war doch noch gar kein richtiger Mensch.

Das mag in der Abtreibungsdebatte eine bequeme Position sein und philosophisch ist es eine interessante Frage, ab wann ein Mensch ein Mensch ist. Eines sei aber versichert: es wäre keine Giraffe, kein Fisch, kein Pilz und keine Eiche geworden. Es wäre in jedem Fall, wenn es nicht zu einer Fehlgeburt gekommen wäre, ein Mensch geworden. Und ob sich eine werdende Mutter* jetzt von einem konkreten Menschen oder von der Anlage eines konkreten Menschen verabschieden muss, ist ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit scheiß egal.

5* Lieschen hat ihr Kind in Woche xx verloren, da ist das ja viel schlimmer, da spürt man das Kind ja schon ganz anders!

Auch in der beliebten Variante „Du warst ja noch nicht lange schwanger, da ist es ja nicht so schlimm.“. Sobald man von der Schwangerschaft weiß ist dieses heranwachsende Menschlein ein stetiger Begleiter an den man täglich denkt. Mehrfach. Manchmal permanent. Und ja, in der 20sten Woche hat man wahrscheinlich schon Kindsbewegungen gespürt die man in der 10ten noch nicht kannte. Die eine muss also mit dem Verlust von jemand konkreterem umgehen als die andere. Aber in beiden Fällen war es ein Verlust. Nehmen wir an, beide Kinder wären schon geboren gewesen, das eine bei seinem Tod ein Jahr alt, das andere zwei – wer würde da sagen, dass die Eltern von dem zweijährigen Kind einen größeren Verlust erlitten haben? Weil man sich zum Beispiel mit einem zweijährigen besser unterhalten kann als mit einem einjährigen? Es ist in jedem Fall ein Verlust. Und ein früher Verlust heißt oft, dass man gar keine Beweise hat für die Existenz dieses Kindes. Oder nur sehr wenige. Je weiter die Schwangerschaft vorangeschritten ist, desto mehr Beweise sammeln sich und desto mehr „Mitfühlende“ gibt es. Denn gerade für das Umfeld wird die Schwangerschaft oft erst spät real. Mit dem ersten Ultraschallbild auf dem man das Gesicht erkennt oder dem ersten Tritt den man am Bauch spürt. Es kann bei der Trauer helfen wenn man etwas hat, dass an das verlorene Kind erinnert und da ist die fortgeschrittene Schwangerschaft eher im Vorteil. Die Trauer ist aber trotzdem da und hat nicht mehr oder weniger Berechtigung nur weil ein bestimmter Stichtag noch nicht überschritten wurde.

6* Andere können gar keine Kinder bekommen.

Ja. Stimmt. Und diese Menschen dürfen auch traurig sein. Und wütend. Und das ungerecht finden. Aber das eine Leid macht das andere nicht weniger schlimm.

7* Beim nächsten Mal klappt es bestimmt.

Das „nächste Mal“ ist es ein anderes Kind. Das ist auch keine Suppe die man nicht perfekt zubereitet hat und wegkippen muss. Das war ein (potentielles) Baby. Das gegangen ist, bevor es ankommen konnte. Ebenso wie ein*e neue*r Partner*in den*die ehemalige*n nicht ersetzt, ersetzt eine erneute Schwangerschaft nicht die vorher verlorene.

8* Und? Versucht ihr es direkt wieder?

Ich frage mich was Leute auf diese Frage hören wollen? „Sobald ich aus der Narkose stabil wach war, hatten wir Sex!“?
Die meisten Paare „versuchen es dann wieder“, wenn sie sich soweit fühlen. Wenn sie getrauert haben oder im Trauerprozess. Manche brauchen Jahre, andere Wochen. Bei uns waren es Wochen, ich wollte keine „Pause“, sondern die Unterstützung eines neuen Kindes bei der Bewältigung des Verlustes (Auch wenn das nicht ganz so lief wie gehofft). Das ist eine absolut unangemessene Frage. Und siehe 1. Nicht jedes Paar* „versucht es“ einfach so.

9* Du hättest dich gesünder ernähren/erst abnehmen/mehr Sport machen/weniger Sport machen/nicht mehr arbeiten gehen/… sollen.

Schon allein daran wie beliebig sich das Satzende austauschen lässt, lässt sich erahnen wieviel Wahrheitsgehalt in solchen Aussagen steckt. Eine Frau* die ein Kind verloren hat und sich deshalb eventuell sowieso Vorwürfe macht (Was für eine schlechte Mutter bin ich, wenn das Kind in meinem Leib stirbt? Habe ich was falsches gegessen? War es als ich zum Bus gerannt bin?,…) braucht mit Sicherheit nicht noch neue Vorschläge wie sie Schuld gehabt haben könnte. Eine Fehl-/Totgeburt die nicht bewusst herbei geführt wurde ist auch nicht die Schuld der Frau*.

10* Viele Schwangerschaften bleiben nicht bestehen. Jetzt hab dich nicht so.

Ja. Und 100% aller Menschen sterben am Ende ihres Lebens. Und es gibt fast immer jemanden der das betrauert. Einige Menschen sterben nicht am Ende ihres Lebens sondern bevor es begonnen hat. Und es gibt immer jemanden der das betrauert.

11* Es wäre doch bestimmt sowieso behindert gewesen.

Das ist ein in meinen Augen absolut ekelerregender Satz, aber ich habe ihn zu hören bekommen. Mehrfach. In unterschiedlichen Ausprägungen. Der Satz richtet sich nicht nur gegen die Trauer der Eltern sondern auch gegen Menschen mit Behinderungen. Auf geborene Menschen übertragen hieße das ja, dass der Tod eines behinderten Menschen weniger schlimm ist als der eines nicht behinderten. Was für eine widerwärtige Einstellung. Menschen die derartige Ansichten vertreten dürfen sich gerne ganz ganz ganz weit aus meinem Leben entfernen.

 

Es gibt unzählie solcher unschönen bis grausamen Sätze die frau* nach einer Fehlgeburt/Totgeburt zu hören bekommt. Zum Glück gibt es auch schöne, Mut machende, Hoffnung gebende Sätze. Aber wenn ihr nichts anderes zu sagen wisst, dann sagt, was man auch bei einem geborenen Menschen zu den trauernden Angehörigen sagen würde:

Mein aufrichtiges Beileid.

Es tut mir sehr leid für Dich/Euch.

Welche Sätze haben euch verletzt? Und welche haben euch geholfen?

 

 

Heute vor einem Jahr haben wir den Kaufvertrag für unser Haus unterschrieben. Und ich habe versucht nicht an das Kind zu denken, dessen spärliche Überreste sie drei Tage zuvor aus mir rausgekratzt haben. Und für das ich selbstverständlich schon Überlegungen angestellt hatte, wie das Zimmer aussehen soll, welche Möbel im Haus für dieses Kind stehen würden,…

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Autor: Zesyra

Writes about Community Management, Gender, Gaming, Cats, Babies and Stuff.

5 Kommentare zu „11Sätze mit denen du dich auf jeder Beerdigung unbeliebt machen kannst“

  1. Und ich weiß jetzt: in so einem Fall steht der Frau eine Hebamme zu. Und statt einer Ausschabung wäre auch eine „kleine Geburt“ möglich. Jetzt weiß ich das. Damals wusste ich es nicht. Viele Frauen wissen das nicht.

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  2. Ich hoffe, dem Beitrag ist nichts zugestoßen. Ich wollte Dir dafür danken und kenne solche Kommentare auch vom Tod unserer Kinder. Ein Grund, warum wir die Beerdigung ohne Gäste, aber für uns und versöhnlich abgehalten haben. (Mit der „Drohung“ an die Leute, die sowas nicht gesagt haben, dass wir irgendwann eine Gedenkveranstaltung für die Kinder organisieren wollen.)

    Euch eine schöne Zeit und Alles Gute!

    Gefällt 1 Person

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