Vom Umgang mit rohen Eiern

Da stehe ich also am Wickeltisch. Vor ein paar Stunden bin ich Vater geworden und nun liegt mein Kind nackig vor mir und hätte gerne eine frische Windel.

Das erste Wickeln hat die Krankenschwester gemacht. „Hier an der Wand ist der Wickeltisch, einfach runter klappen. Feuchte Tücher. Windeln. Wickelhemdchen. Strampler.“ Sie zeigt jeweils kurz auf die entsprechende Ecke im Regal, greift dabei zu und wickelt routiniert unser Neugeborenes. „Schmetterlinge sind für die kleinen Babys, Hunde für die großen Babys. Bei Ihnen also Schmetterling.“ Ich nicke wissend und bemühe mich dabei, ihren wirbelnden Händen zu folgen. Kurz darauf liegt unser Schnurpsel wieder im Babybettchen und die Schwester verlässt das Zimmer. „Spätestens alle vier Stunden neu wickeln“ ruft sie mir noch über die Schulter zu.

Wie soll man denn damit eine Schleife binden?

Jetzt ist es also soweit. Ich schaffe es irgendwie die Windel anzulegen und starre dann eine Weile auf das Wickelhemdchen. Ich erinnere mich dunkel daran, dass die Schwester es vorhin verkehrt herum angezogen hat. Okay, das macht vermutlich Sinn, weil sonst der Bauch kalt wird. Aber wieso hat das überhaupt jemand in dieser Form erfunden, anstatt dass man dem Baby einfach etwas anzieht, was überall wärmt? Irgendwann ist es dann geschafft und ich habe die kleinen zerbrechlichen Ärmchen durch die Ärmel des Wickelhemds gezogen. Unter lautem Protest drehe ich mein Kind auf den Rücken und betrachte skeptisch die viel zu kurzen Bändchen. Wie soll man denn damit eine Schleife binden? Nach mehreren erfolglosen Versuchen bemerke ich, dass die Windel nicht richtig sitzt und schon halb zwischen den Knien hängt. Ich gerate ins Schwitzen.

Mein Kind ist merklich unzufrieden mit meiner Leistung als frischgebackener Papa und läuft rot an. Ich beschließe, Wickelhemden doof und unpraktisch zu finden und klingele nach einer Schwester. „Ähm, Entschuldigung, aber könnten Sie mir nochmal helfen?“ Sie wirft mir einen Blick zu, den ich als „Na so schwer ist das doch nun wirklich nicht“ deute und beginnt dann mit dem Wickeln. Sie macht betont langsam und erläutert mir dabei noch einmal die Schritte: „Und hier machen Sie einfach eine Schleife rein, ja?“ Ach so. Na hätte ich das mal gewusst. Am Ende ist unser Baby dann endlich wieder eingepackt und ich kann fürs Erste aufatmen.

Keine Gebrauchsanweisung zu sehen.

Papa sein ist echt nicht so einfach. Gerade in der allerersten Zeit kam ich mir dabei oft hilflos und überfordert vor. Wichtig ist wohl, dass man sich nicht schämt, um Hilfe zu bitten. Auch wenn man sich vorkommt wie ein unbeholfener Trottel.
Es ist ja nicht so, dass man sich nicht vorbereitet hätte. Man liest alle möglichen Ratgeber um sich zu informieren, was man so alles beachten muss, wenn man ein Kind erwartet. Was für Kleidung sollte man kaufen, was für Zubehör ist wichtig (Wickeltisch, Kinderwagen, und dann die ganzen Dinge an die man vielleicht nicht so direkt denkt wie z.B. ein Badethermometer), wie viel Schlaf braucht ein Säugling, was sollte man alles mit ins Krankenhaus nehmen, welche Termine muss man beachten, wie entwickelt sich das Baby in den ersten Wochen und noch vieles mehr.
Und kaum ist man dann endlich Vater stellt man fest, dass keiner dieser Ratgeber einem erklärt hat, wie man so ein Baby eigentlich hält und wie man es wickelt. Nichtmal der verstohlene Blick auf die Windel-Packung hilft an dieser Stelle: Keine Gebrauchsanweisung zu sehen. Bei Tampons wird die Handhabung doch schließlich auch erklärt!

Ich habe keine deutlich jüngeren Geschwister.

Dabei finde ich dieses Wissen nicht selbstverständlich. Ich habe keine deutlich jüngeren Geschwister, bei denen ich das Wickeln noch hätte miterleben können. Onkel bin ich auch noch nicht und auch sonst habe ich in meinem näheren Umfeld bisher keine Gelegenheit gehabt, Erfahrungen im Umgang mit Babys zu sammeln. Gerade am Anfang hatte ich daher unheimliche Angst, mein Baby auf den Arm zu nehmen oder von A nach B zu tragen. Es war so klein und zerbrechlich, wie hebt man das denn hoch ohne es kaputt zu machen?

Am nächsten Tag hatte ich jedoch das große Glück, eine Krankenschwester zu treffen, die etwas handfestere Ratschläge parat hatte:

  • Zum Hochheben: Wenn das Baby auf dem Rücken vor einem liegt, einfach mit den Händen von unten unter die Achseln greifen und dann zur Seite hochheben. Mit den Fingern den Nacken stützen.
  • Zum Anziehen: Wenn man es anzieht, dreht man es am besten immer ein wenig. Einen Arm festhalten und zur entgegengesetzten Körperseite ziehen, dann rollt das Baby einfach mit. So kann man ganz bequem das Wickelhemdchen unter dem Baby entlangführen, ohne es dafür hochzuheben.
  • Und allgemein: Man darf an sich ruhig zupacken, Babys werden gerne angefasst und gehen dabei nicht kaputt.

Da war es endlich. Das geheime Wissen, das aus einem unbeholfenen Vater einen souveränen Papa macht! Das mag für einige total banal und offensichtlich klingen, aber mir hat es unheimlich geholfen.

Kurz darauf konnte ich das neu Gelernte auch direkt erfolgreich anwenden. Das Ergebnis sah zwar noch ein wenig zerknautscht aus, in etwa so wie ein schlecht eingepacktes Geschenk, aber es ist ja schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ich zumindest war erst einmal richtig stolz und glücklich, das Gefühl zu haben, mich doch irgendwie um mein Kind kümmern zu können.

Inzwischen, vier Monate nach der Geburt, bin ich ein erfahrener und routinierter Baby-Wickler und -Anzieher geworden. So sicher, dass man manches Mal schon versucht ist zu rufen: „Guck mal, freihändig!“

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Ein Gedanke zu „Vom Umgang mit rohen Eiern“

  1. Wunderbar! Müsste so an meine ersten Versuche mit unserem Nooby denken!
    Danke für die Tipps zum Hochheben und so – das hab ich inzwischen alles wieder vergessen! Ich brauch einen Auffrischungskurs!
    Hast du nicht einen Kurs vorher gemacht? Wenigstens ein bisschen hab ich da gelernt. Ich bin bei solchen motorischen Sachen aber etwas ungeschickt und brauche viel Übung. Am Anfang stand ich also genauso doof da als ich das Baby zum ersten Mal allein wickeln musste. Das hatte nämlich die ersten zwei Tage mein Mann gemacht. Der hat zum großen Glück drei jüngere Brüder und hatte voll den Plan. Ich nicht. Wie macht man das sauber? Wie ging das noch?! Schwitz.
    Einer meiner größten Erfolge am zweiten oder dritten Tag, war es, das Kind von einem Arm auf den anderen zu bugsieren! Ohne es abzulegen!

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